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Der Nussknacker – Träum´dein Leben!

Ein Mädchen im weißen Spitzenkleid, ein Nussknacker und ein paar Spitzenschuhe. Aus diesem Stoff ist eins der schönsten Handlungsballette der Hamburger Ballettgeschichte gewebt: poetisch, witzig, berstend vor Energie und Hoffnungsfrische - der Nussknacker. Ein roter, üppig wallender aufgemalter Vorhang holt das St. Petersburg des 19. Jahrhunderts auf die Bühne und mit ihm das Mädchen Marie, das nur eines will: tanzen. Ein Traum, der wahr wird, heute, an Silvester 2016 in der Staatsoper, mit einer der besten Ballettcompagnien der Welt, dem Hamburg Ballett!

Maries Geburtstagsfest
Maries Geburtstagsfest© Kiran West*

Maries Geburtstag - Ansichten einer Hobby-Ballerina

Doch wie immer in Märchen, auch im Nussknacker liegen zunächst ein paar Stolpersteine im Weg. An ihrem 12. Geburtstag kann die tanzsehnsüchtige Marie überhaupt noch nicht tanzen, jedenfalls in den Augen des Ballettmeisters Drosselmeier, den ihre Schwester Louise, Ballerina am Hoftheater, eingeladen hat. Aus dem Grand-plié kippt Marie hintenüber und ihre Hebefigur beim Tanz mit Günther (Alexandr Trusch), dem Kadettenanführer und Tanzpartner ihrer Schwester, sieht aus wie der herabschauende Hund im Yoga. So beginnt die Geschichte eines Mädchens, das unbedingt Tänzerin werden will: die Nussknacker-Ballettversion des Hamburger Ballettintendanten John Neumeier, die 1971 in Frankfurt uraufgeführt wurde. Er hat sie aus dem Weihnachtskontext herausgelöst und vom Zuckerfeenreich und tanzenden Schneeflocken entschlackt. Nur das Geburtstagsgeschenk Günthers, die Nussknackerfigur, erinnert an den Titel. Das Publikum möge auch weiterhin seinen Sinnen trauen empfahl der Chefchoreograf zu Beginn der Vorstellung augenzwinkernd, auch wenn heute an Silvester die Hauptdarsteller gleich dreimal auftreten – neben- und zum Teil auch gegeneinander.

Traum-Pas-de-deux
Traum-Pas-de-deux© Kiran West*

Maries süße Welpentapsigkeit hoch drei (wunderbar gespielt von Alina Cojocaru a. G. / Hélène Bouchet / Emilie Mazon) zusammen mit einem dreifach dräuenden Drosselmeier (Alexandre Riabko / Carsten Jung / Ivan Urban), dem die Exaltiertheit des Nussknacker-Librettisten Marius Petipa in die ausladenden Gesten choreografiert wurde, das kann ja heiter werden! Drosselmeier wirft auch gleich ein paar Ballettmaßstäbe in die auseinanderstiebende illustre Geburtstagsgesellschaft - Passés, Pirouetten, Pas du chats - und hält als Drosselmeier-Trio das Publikum auf Trab. Während Drosselmeier Nr. 1 (Alexandre Riabko) Marie den eleganten Port de bras zeigt, hecken die beiden anderen Streiche aus. Ein Drosselmeier-Rotschopf (Carsten Jung) pflanzt sich frech - und schneller als die Belichtungszeit des altertümlichen Fotoapparats - beim Gruppenbild in die erste Reihe, die feschen Kadetten hinter ihm zu Boden fegend. Hobbyballerinas, die schon einmal heulend wegen eines unwirschen Ballettmeister-Worts aus der Ballettstunde gelaufen sind, fällt es spätestens jetzt wie Schuppen von den Augen: die Drosselmeiers dieser Erde sind auf einen ganz einfachen Nenner zu bringen - Perfektion (im Nachhinein sei ihnen vergeben)!! Maries Schwester Louise knickst ehrfürchtig, keinesfalls nimmt sie ihre kleine Schwester in Schutz. Doch von Marie (Alina Cojocaru a. G.) kann man lernen: sie heult nicht, stampft nicht mit dem Fuß, läuft nicht weg. Sie bleibt immer gleich, freundlich, fröhlich, neugierig und tanzbesessen und klebt an jeder Drosselmeier-Bewegung wie eine kleine Klette. Mit einer reizenden Szene endet das erste Bild des ersten Akts: drei Maries, die, als die Gäste schon gegangen sind, vor dem Zubettgehen noch ihre Spitzenschuhe anprobieren, Drosselmeiers Geschenk. Die Mädchen scheinen der Ballettschule Hamburg entsprungen. Aber nein, das kann ja nicht sein: eine von ihnen fällt um auf ihren Spitzenschuhen. Muss wohl doch eine Basic/Anfänger/Quereinsteiger-Klasse sein, die auf Spitze (noch) nichts zu suchen hat.

Maries Traum – „Études“ pour elle

Eine Schar anmutiger Ballerinas, ganz in Weiß, an der Ballettstange im Gegenlicht: der Ballettsaal in Maries Traum. In diesem zweiten Bild des ersten Akts schwebt sie mit Günther, ihrem heimlichen Idol, im Pas de deux. Mit ihm kann sie plötzlich tanzen wie Alina Cojocaru, federleicht und biegsam. Oh, ja, das versteht das Publikum: Tanzprinz-Bilder beflügeln - maskuline Präsenz, knackige Proportionen, maßlose Sprünge, der Hüftschwung eines Fauns, ein hübsches Gesicht oder eine Kombination dieser Vorzüge. Die Imaginationen tragen durch trostlose Bürozeiten bis hinein in die – endlich! - abendlichen Ballettstunden, führen zu langen Schlangen in der Hamburger Theaternacht und am Tag der offenen Tür im Ballettzentrum, wo sich Tänzerinnen jeglicher Liga am Rand des Tanzbodens drängeln, mit „Hoffentlich-sieht-er-mich-Blick“ und Extra-Farbfrische auf den Lippen. Doch dieses zweite Bild des Nussknackers, ganz in Weiß gehalten, ist viel mehr als nur ein Teenie-Wunschbild. In „Maries Traum – die Probe“ wird das tägliche Üben im Ballettsaal zur Kunstform. Das Bild erinnert an das Gemälde von Pierre-Auguste Renoir, die „Tänzerin“: eine anmutige Carolina Agüero als Ballerina Louise im pastellig schimmernden Tutu, an der Ballettstange mit Drosselmeier zur Musik aus Dornröschen tanzend. Zwei Tänzerinnen, eine schemenhaft hinter dem transparenten Vorhang, die andere am Boden, schauen zu. Ballettszenen, die sich durch die Jahrhunderte hindurch gleichen - das warme Licht, der geschwungene Fuß der Ballettstange, der rote Vorhang, der Duft von Puder und Theaterschminke. Die Bilder wecken Sehnsucht: mehr Ballett im Neuen Jahr, unbedingt! Nichts ist so schön, nichts macht so schön wie diese feminine Kunst - les „Études“ pour elle.

Barriere-Frei**: Maries Traum – die Vorstellung

Maries Traum ist wahr – sie kann tanzen!
Maries Traum ist wahr – sie kann tanzen!© Kiran West*

Pause vor dem zweiten Akt. Plötzlich steigt ein höchst realer Drosselmeier aus dem Orchestergraben auf die Bühne, die etwas unsichere Marie im Schlepptau. Wer sind nun die Träumenden? Das Publikum jedenfalls taucht augenblicklich in einen Silvester-Nussknacker-Farbrausch, Maries Traum vom großen Auftritt im Theater. Szene auf Szene sprüht Wundersames wie Feuerwerk auf die Bühne: das Bohéme-Leben silbern schillernder, quirliger Clowns, ein „Chinesischer Vogel“ im Glitzerkleid und ebensolchem Kopfschmuck schwingt sich aus dem Grand plié in die Luft und die „Tochter des Pharao“ zelebriert sich zweidimensional im Goldröckchen. Marie berührt es neugierig: ist es aus Stoff oder ein Wandrelief? Das atemberaubende Männerballett „Variation des hommes“ zeigt Drosselmeier (Alexandre Riabko) in Bestform endloser Pirouetten und Fouettés, die „tanzenden Leutnants“ überbieten sich in Kasatschok-Sprüngen - Nastrovje! – und der erlesene Tanz des Paars Louise und Günther spiegelt sich im Magnolienton der Kostüme. Und Marie? Noch bevor das Corps de ballet in weißen Tüllkleidern im „Grand pas de deux“-Finale schwelgt, als wäre es der Wiener Debütantinnenball, geschieht etwas Wunderbares: Günther weist ihr ein Solo zu (Variation II des „Grand pas de deux“). Zur Musik der Zuckerfee, die klingt wie zartes Schlittengeläut, wird sie selbst zur Fee - trippelnd, auf Spitze, in immer schnelleren Piqués, Chaînés und Sprüngen wie hingetupft: „Maries Traum ist wahr geworden - sie kann tanzen!“

Das Ballett endet, als die drei schlafenden Maries auf der Bühne von John Neumeier, dem Choreografen dieser einzigartigen Nussknackergeschichte, sanft geweckt werden. Als sich der Vorhang wieder hebt, sind aus den Maries und Drosselmeiers die Solisten des Hamburg Ballett geworden, die mit dem Ballettintendenten auf das Neue Jahr anstoßen. Nicht endenwollender Beifall, hellblau-gelb rieselt Konfettiregen herab, mischt sich mit leiser Wehmut: wollte man mit 12 nicht auch Tänzerin werden? Ins Ausland gehen? Ein Modeimperium gründen? Und jetzt geht das nicht mehr? Doch, Marie macht es vor: Dranbleiben! Als Au pair-Granny nach Spanien, wenn es im Studium verwehrt wurde. Den Garten im englischen Landschaftsstil auf dem Balkon züchten. Fotografieren mit der geschenkten alten Kamera, weil neuerdings die Motive immer so blinken.

Silvester mit dem Nussknacker
Silvester mit dem Nussknacker© Kiran West*

Mit dem Rollstuhl nach Rom pilgern. Den knallbunten Modeblog für Nicht-Mehr-Teenies erfinden. Sicher, zum Hamburg Ballett kommen nur die Besten der Welt. Doch die Schönheit eines getanzten Moments der Musik von Tschaikowsky ist nicht zu beschreiben, jedoch gern stetig zu üben, auch als Hobbyballerina. Wie ein freundliches Licht tanzt Maries Geschichte voran in die Silvesternacht und führt das Publikum - in seinen Traum!

Fotos: Kiran West* (*mit rechtlicher Genehmigung des Hamburg Ballett)Text: © U. Korb

Barrierefreiservice in der Staatsoper**:

Damit auch bewegungseingeschränkte Menschen die wunderbaren Aufführungen besuchen können, hält die Staatsoper einen speziellen Service bereit: u. a. Aufzug, Rollstuhlfahrerplätze im Zuschauerraum-Parkett, zwei barrierefreie WCs. Alle Barrierefrei-Infos „Auf einen Blick“ finden Sie in der Infobox** (**Barrierefrei-Erhebungen der Akustikgruppe bf-hh.de) neben dem Text und unter staatsoper-hamburg.de.