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Körber-Stiftung: Arena für Gedanken

Meeresrauschen, Möwengeschrei, der Blick auf Elbphilharmonie und Hafendampfer: ein Ort voller Bewegung und Aufbruchsstimmung – das KörberForum. Eingefügt in die Rotklinker-Nostalgie der Speicherstadt wirft der Körber-Stiftungssitz an der Kehrwiederspitze kühne Ideen in die Welt. Für die über 80 Veranstaltungen pro Jahr - Vorträge, Konzerte, Künstlergespräche, Lesungen und Filmpremieren - ist der Eintritt frei, ebenso ein Getränk und Knabbereien für alle Gäste im Nachempfang,
(Anmeldung unter www.koerber-stiftung.de/veranstaltungen).

Panorama KörberForum
Panorama KörberForum©Körber-Stiftung, Claudia Höhne

Das Körber-Parkett wirbelt sie kräftig auf, die neuralgischen Punkte der Zeit, illuminiert sie in pittoresken Themenwelten (www.koerber-stiftung.de/themen.html). „Arbeitest du noch oder lebst du schon?“: frisch-freches Denken wie dieses aus der Vortragsreihe „Neue Lebensarbeitszeit“ fließt per Livestream direkt ins World Wide Web - die international verwobene humanistische Gesellschaft. Wer möchte da nicht mitmischen?

Der Rausch der Arbeit


Der agile Callcenter-Agent, der sich noch um 22 Uhr mit dem Kunden am Telefon den Mund fusselig redet. Die Kassiererin beim Hochfrequenzscannen in der Spätschicht. Sind sie etwa heute Abend hier, diese Prototypen prekärer Arbeitsverhältnisse? Unmöglich, sie arbeiten doch gerade! „Gebundenes Leben: Hauptsache Arbeit!“ – schon der Name der Veranstaltung am 16.02.17 wirkt wie ein Magnet. 300 haben sich angemeldet. Besonders viel Szeneapplaus bekommt Politikerin Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende DIE LINKE, für ihre Statements, offenbar ist sie für einige aus dem Publikum eine Hoffnungsträgerin. Philosophin Svenja Flaßpöhler und der Wirtschaftsjournalist Rainer Hank bringen zudem aus ihren teils konträren Perspektiven Spannung in die Runde. Was ist Arbeit? „Glücksfaktor und Sinnstifterin“, wie Herr Hank meint, in einer der besten Arbeitswelten, die wir jemals hatten. Ja schon, doch haftet ihr auch ein Suchtfaktor an, beschreibt Frau Flaßpöhler jene Mischung aus sich überschlagendem Einsatz, eingefahrenen Kommunikationsmustern und einem fragwürdigen Belohnungssystem des Arbeitslebens. In diesem Turboszenario kommen einige in der Gesellschaft nicht mehr mit. Die Goldschmiedin, die unterhalb des Mindestlohns werkelt und noch einen Minijob für ihren Lebensunterhalt braucht. Leiharbeiter, schlechter bezahlt als Festangestellte. Freie Journalisten, mit Cents per Zeile patchworkend, im steten Selbstmarketing gefangen. Die neue Freiheit im Job – wo ist sie?

Sterne, Blüten, Apfelkuchen

Veranstaltungsraum KörberForum
Veranstaltungsraum KörberForum ©Torsten Hacker

Landleben á la Provence, Tafeln unter Bäumen mit Selbstgezüchtetem, Kinder laufen über blühende Wiesen, nebenan ein paar friedliche Kühe: Träume von kostbaren Freiräumen. Die meisten Berufstätigen würden gern nur noch 31,3 Wochenstunden im Schnitt arbeiten, so das Ergebnis einer von der Körber-Stiftung in Auftrag gegebenen Forsa-Umfrage. Gleichzeitig aber sind der Studie zufolge die meisten mit ihrem Berufsleben zufrieden. Ja, was denn nun? Sind sie vielleicht nur froh, nicht in Hartz IV zu landen? Denn das bedeutet: Kaffee und Duschgel verdünnen, bei der „Tafel“ für Lebensmittel anstehen (danke, liebe „Tafel“!). Hartz IV, das ist Schimmel in der Wohnung und Klappstuhl, Matratze und Tisch als einziges Mobiliar, zu dem sich auch nach 10 Jahren noch keine weiße Regalwand hinzugesellt. Und diejenigen, die aus Alters- oder gesundheitlichen Gründen überhaupt nicht mehr für den Arbeitsmarkt in Frage kommen? „Die soll das Arbeitsamt in Ruhe lassen“, fordert Sahra Wagenknecht. Und auch bitte keine Zwangsverrentung, denn das würde die vom Schicksal Gebeutelten unmittelbar in die Altersarmut treiben.

„Geradezu eine Steilvorlage für die Wahl“ nannte Vorstands-Vorsitzende Anja Paehlke bei ihrer Eröffnungsrede diesen brisanten Abend. Das hat sich der clevere Lehrer wohl auch gedacht, der seine gymnasiale Oberstufe aus dem „Eimsbütteler Modell“ angemeldet hat. Zu den Ersten, die nachher ans Mikro treten, gehören zwei Schülerinnen von dort. Eine fragt, wie in aller Welt es neben Arbeit und verschultem Studium noch dieses Andere geben könnte, das Herr Hank „nicht zielgerichtetes Nachdenken“ nennt. Die zweite Schülerin hinterfragt gar den Kapitalismus selbst, ist er noch der passende Rahmen für ein glückliches Lebenskonzept? „Man findet keinen Platz mehr, an dem man sich aufgehoben fühlt“. Das bringt die Dualität der Arbeit auf den Punkt: Wohlstand zum Preis einer systemimmanenten Zwangsspirale. Die einen arbeiten zu viel, können vor lauter Stress nicht mehr schlafen. Den anderen fällt mangels Arbeit die schlecht verputzte Decke auf den Kopf: eine Wirtschaftsordnung in Schieflage.

Meisterkurs 1
Öffentlicher Meisterkurs mit dem Internationalen
Opernstudio der Hamburgischen Staatsoper
©Körber-Stiftung, Claudia Höhne

Könnte das bedingungslose Grundeinkommen hier helfen? Thomas Straubhaar, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg, stellt dazu am 23.02.17 sein Buch "Radikal gerecht“ vor, plädiert für 1000 Euro netto abzüglich frei gewählter Krankenversicherung für jeden, lebenslang (Näheres: Youtube-Video). Doch das kluge Rechenmodell wird, unisono und parteienübergreifend, von den Diskutierenden der heutigen Runde abgelehnt: „Nichtstun? Die Hölle! Ruhigstellung, unmündig machen der Menschen!“ „Der Sinn der Arbeit, sich Einkommen selbst zu erarbeiten, geht verloren, der Untergang des Sozialstaats.“ „Nur eine Minimalleistung pauschal reicht nicht zum Leben.“ Die Stimmen schwirren durcheinander. Menschen ticken nun mal nicht linear, flächig oder quadratisch. Zu groß die Unwägbarkeiten. Herr Hank vermutet gar, dass Menschen schon bei reduzierter Arbeitszeit „verludern“, die Struktur verlieren.

Cinderella rettet sich selbst

Dennoch: in Zeiten, in denen die Robotik uns „immer mehr Arbeit abnimmt, müssen wir „einfach lernen, den Sinn nicht mehr ausschließlich aus dem Job zu beziehen.“ erklärt Frau Wagenknecht. Cinderellas Retter heißt Bildung. In der Schule schon muss man ansetzen und gerade Hartz-IV-Familien auffangen, damit Armut nicht „vererbt“ wird. „Wir haben doch gewaltige Fortschritte der Produktivität, wir können auch mit immer weniger Arbeit gute Renten erzielen.“ Sie skizziert das Österreichische Rentenmodell: „Die haben ihre Rentenversicherung nicht teilprivatisiert, Beamte, Selbständige und Politiker zahlen in einen einzigen Topf, das funktioniert, die Durchschnittsrente beträgt dort 800 Euro mehr im Monat als in Deutschland.“ Und – ja –„der Kapitalismus hat seine Mission erfüllt“. Kein Veitstanz mehr um das bewusst kurzlebig konzipierte Produkt. Statt dessen eine nachhaltige Produktion, mit der „wir den gleichen Wohlstand erreichen können.“ „In der besten aller Welten wäre DIE LINKE ja dann überflüssig“ resümiert Moderator Christoph Bungartz launig. Sahra Wagenknecht muss lachen: in diesem Fall, kontert sie, würde sie - obwohl sie „nicht glaubt, dass eine 32-Stunden-Woche für Abgeordnete mehrheitsfähig wäre“ - „sich auch gern mal unter einen Baum legen.“ Siehe „Sterne, Blüten, Apfelkuchen“.

BarrierefreI**: „Zukunft für Musik“

Meisterkurs 2
Öffentlicher Meisterkurs mit Thomas Quasthoff ©Körber-Stiftung, Claudia Höhne

Ungewöhnliche Klänge und internationale Politik vereinen sich in den Kultur-Kooperationen der Körber-Stiftung. Das Internationale Opernstudio der Staatsoper Hamburg zum Beispiel. Es ist „fantastisch, alles ist anders, soo gern würden wir hier weiterarbeiten!“ Einhelliges Statement der beiden jungen russischen Sänger Denis Velev und Sergey Ababkin, die zu den Stipendiaten 2016/2017 hier gehören. Spannender könnte Training-by-the-Oper nicht sein als in der Staatsoper Hamburg, reift es doch live in Inszenierungen zur Vollendung. Thomas Quasthoff, Kammersänger und Professor an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« in Berlin, verlegt gar mal eben die Probe aus seinem Meisterkurs ins KörberForum. Der Körber Fonds „ZukunftsMusik“ unterstützt das Kampnagel-Performance-Sommerfestival und die Musikvermittlungsprogramme der Elbphilharmonie, Schaufenster einer Zukunft voll Musik: Konzerte, in denen Babys krabbeln und brabbeln dürfen, Schüler interviewen nach der Debussy-Sonate Stargeigerin Julia Fischer. Kultur-Innovation zeigt die Körber-Stiftung auch eindrucksvoll in ihrem „Haus im Park“ in Bergedorf. Hier haben kreative Ausdrucksformen für die ältere Generation Platz, die ungeahnte Talente zutage fördern und vor allem Spaß machen: Theaterwerkstatt samt Inszenierung auf der Bühne, Malen, Patchwork-Decken nähen und vieles mehr. „Wenn du ein Schiff bauen willst,…..lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer“ (Antoine de Saint-Exupery).

Fotos: ©Torsten Hacker, ©Claudia Höhne*, ©Romanus Fuhrmann*
(*mit rechtlicher Genehmigung der Körber-Stiftung)
Text: U. Korb

  • Koerberstiftung 1

    KörberForum - ©Claudia Höhne, Körber-Stiftung

  • Koerberstiftung 2

    Haus im Park - ©Körber-Stiftung, Romanus Fuhrmann

  • Koerberstiftung 3

    „Gebundenes Leben: Hauptsache Arbeit!“ - ©Torsten Hacker

Barrierefreiservice in der Körber-Stiftung:

Alle Barrierefrei-Infos „Auf einen Blick“ finden Sie in der Infobox

  1. Das KörberForum an der Kehrwiederspitze hat einen barrierefreien Nebeneingang über die Parkgarage, Besucher mögen an der Treppe zum Haupteingang oder direkt am Tor zur Garage klingeln, sie werden dann abgeholt. Zudem gibt es zwei Aufzüge, einen barrierefrei zugänglichen Veranstaltungsraum und Foyer, eine Induktionsschleife für den Saaltonempfang auf geeigneten Hörgeräten sowie ein barrierefreies WC. Im Saal herrscht freie Platzwahl auf den Sitz- und Stehplätzen, nach Voranmeldung werden aber Rollstuhlplätze ebenso wie Sitze für Gäste und Begleitung mit Schwerbehindertenausweis kostenlos reserviert.
  2. Die Kreativstätte „Haus im Park“ in Bergedorf, Gräpelweg 8, ist mit dem hauseigenen kostenpflichtigen Fahrdienst für gehbehinderte Menschen zugänglich. Der Kleinbus ist mit einer Hebebühne ausgestattet. Um Voranmeldung bei Sabine Schaumann (Tel.: 040 72 57 02-12) wird gebeten. Fahrmöglichkeiten zwischen 9 und 14.30 Uhr (dienstags bis 15.30 Uhr).
  • Anfahrt: Bahnstation / Zentraler Busbahnhof (ZOB) Bergedorf mit Linie 235 oder Linie 8810 Richtung Reinbek/Wentorf drei Stationen bis Rathaus Bergedorf, zu Fuß bis Gräpelweg 8.
  • Barrierefreier Zugang: Schiebetür am Eingang, barrierefreies WC im ersten Stock, Aufzug
  • Im Theater: 1 Rollstuhlfahrerplatz, Höranlagen: Induktionsschleifen vorhanden
  • Parkplätze neben dem Haus, 1 ausgewiesener Behindertenparkplatz.

2019 wird das „Haus im Park“ umziehen in ein größeres barrierefreies Kultur- und Begegnungszentrum in Bergedorf, das KörberHaus. Dort wird es u.a. einen barrierefreien Theatersaal mit 400 Plätzen, ein Café, einen großen Veranstaltungsraum, Räume für die Kreativkurse aus dem „Haus im Park“, bezirkliche Beratungsstellen, AWO-Seniorentreff, die Hamburger Öffentliche Bücherhalle, VHS-Kurse und andere Initiativen geben.

Quellen Barrierefrei-Infos: