Staatsoper zum Mitnehmen:

Staatsoper Zuschauerraum
Staatsoper Zuschauerraum© Thorsten Hacker

Der Literarisch-Musikalische Adventskalender


Ein Samstag im Advent. Mikado-Sterne beleuchten die Dammtorstraße - Boutiquen, Bäckereien, Delis, Geschenklädchen und mittendarin eine strahlende Staatsoper im Festkleid. Was ist denn da los, um 17 Uhr nachmittags? Kein Zweifel: hier inszeniert sich gerade der Literarisch-Musikalische Adventskalender. Vom 1.-23. Dezember funkeln jeweils halbstündige hochkarätige Darbietungen zur blauen Stunde im Staatsoper-Foyer.

Eine schlichte Wandtafel am Eingang ehrt einen der bedeutendsten Dirigenten der 300 jährigen bewegten Geschichte des Opernhauses: Gustav Mahler. Der berühmte Komponist, der von 1891 bis 1897 als erster Kapellmeister hier tätig war, hat den Hamburger Ballettintendanten John Neumeier zu choreografischen Meisterwerken wie der "Dritten Sinfonie von Gustav Mahler" inspiriert: frühlingshafte Leichtigkeit ebenso wie dramatische Fanfarenklänge strömen aus dieser sinfonischen Dichtung und die Tänzer malen sie wie wirbelnde, springende Noten auf die Bühne.

Um die Staatsoper, eine Kunststätte der Weltklasse, kennen zu lernen, ist die Veranstaltungsreihe des Literarisch-Musikalischen Adventskalenders ideal: eine Lichterkette aus zahlreichen Genre-Facetten, u.a. Auftritten von Ensembles der Oper, des Hamburg Ballett und des Philharmonischen Staatsorchesters. Der Eintritt ist frei, Spenden für ein Waisenhaus sind jedoch willkommen. Morgens im Blog die Advents-Überraschung entdecken, auswählen, hingehen...

Ein Adventskalender, der performt


Türchen Nr. 3.: Abrakadabra für La Bohéme

Auf in die Advents-Manege! Hier dirigiert heute Tillmann Wiegand, der künstlerische Betriebsdirektor der Oper und im Alter Ego Zauberer. Im Foyer hat sich ein hellwaches Publikum auf den Stufen zum Souterrain verteilt, bis hinab zu dem grünen, mit Päckchen übersäten Deko-Weihnachtsbaum. Angeregte Gespräche, erwartungsvolle Blicke, Geheimnisvolles deutet sich an. Eine mutige Zuschauerin pflückt das Geschenkpäckchen mit der Nr. 3 vom Baum, ein symbolisches Türchen Öffnen. Statt Bilanzen und Säulendiagrammen liest Herr Wiegand live Gedanken am Zuschauer: das Gedachte - „La Boheme“ - manifestiert sich flugs als Eintrittskarte, die der Proband behalten darf. Große Erheiterung, als ein Gedankenübertragungsapparat in Form einer Tröte und ein stethoskop-artiges Großhirn-Telefon auf den Plan treten. Und spätestens beim Zaubertrick-Entlarven - „Münze fliegt von A nach B, krabbelt aber eigentlich nur durchs Jackett“ - kugelt das Publikum vor Lachen fast von den Sitzen: Marketing mit Lachmuskel-Fitness und Opern-Sog.

Lesung mit Ballettintendant John Neumeier
Lesung mit Ballettintendant John Neumeier © Kiran West*

Türchen Nr. 6.: Ballett Lyrik

Nikolaustag. Der Staatsoper-Blog kündigt eine Lesung mit Ballettintendant John Neumeier an. Ein roter Barocksessel, Leselampe und ein goldenes Tischchen warten auf ihn. Begeisterter Applaus: da ist er. „Die Geschichte ‚Der glückliche Prinz` von Oskar Wilde habe ich letztes Jahr beim Adventskalender gewählt. Und in diesem Jahr“ – kleine Pause – „habe ich die Geschichte ‚Der glückliche Prinz` von Oskar Wilde gewählt.“ Typischer Neumeier-Understatement-Humor, Gelächter. Sie ist seine Lieblingsgeschichte, die bilderreiche Fabel der kleinen Möwe im Zwiespalt zwischen Liebe und Abenteuerlust und ihrem Meister, dem vergoldeten Prinzen. Sanft werden die Protagonisten von den Eitelkeiten des Herzens zum Mitleid mit den Ärmsten gelenkt. Da kullern schon ein paar Tränen im Zuschauerraum. Ein Märchen über die wahren Schätze, vorgetragen von einem großen Choreografen, der jegliche Gefühlsnuance in die Schönheit des Tanzes transformiert.

Türchen Nr. 9.: „Danse en miniature“

Gleicher Ort – Foyer der Staatsoper. Lebhafter geht es hier heute zu als sonst: Summen, helle Kinderstimmen, Mütter halten ihre Smartphones fotobereit, Schleifchen und sogar ein Tutu schimmern im Zuschauerraum. Die Ballettschule des Hamburg Ballett wird erwartet. Ein Mädchen tritt vor: „Wir präsentieren“ – Achtung, Meetings, so geht das! – „Klasse B und C und wünschen Euch allen viel Spaß“ verkündet sie, klar, zügig und kerzengerade aufgerichtet. Und dann sitzen da plötzlich die Kleinsten der Ballettschule auf dem Boden wie weiße Schneeflöckchen und zeigen Ballett-Basics in „Bodenexercise“. Füße Flex und Point, Winken, Heben und Senken von Ärmchen und Oberkörper zur Musik, bisweilen noch etwas eigenwillig im Takt, aber soo niedlich!

Die Kinder laufen seitlich in die Kulissen davon, 8 größere Mädchen (7-9 Jahre) erscheinen in weißen Blüschen und adretten Röckchen, bewegen sich in kleinen Sprüngen durch die Diagonale, dirigiert von Ballettpädagogin Ann Drower. Dann tanzen sie ein Menuett („Allemande“), begleitet von der dunkellockigen Pianistin Hyeyeon Kim. Leichtfüßig hüpfen sie aus dem Karree in spiegelbildlichen Formationen heraus, bilden Torbögen aus schlanken Mädchenarmen. „Jetzt brauchen sie etwa eine Sekunde, um sich umzuziehen“, scherzt Ann Drower. Etwas länger dauert es dann doch, ein Reißverschluss widerstrebte wohl. Dann - ein wilder Schrei, und 16 Mädchen stürmen in rotkarierten Schottenröckchen die Bühne, flankiert von zwei Jungs. Die Truppe fegt in Line-Dance-Reihen vor, schmale Knie fliegen hochfrequent und synchron nach oben, so schnell kann man gar nicht kucken. Die Jungs in perfekter Dudelsack-Player-Pose haben offenbar im Schauspielunterricht gut aufgepasst. „Rhythmischen Spaß“ versprüht das gleichnamige Stück, da möchte man doch glatt in die Highlands ziehen. Und die kleinen Tänzer lächeln vergnügt ins Publikum: „Wir lieben Ballett“!

Ballettschule des Hamburg Ballett
Ballettschule des Hamburg Ballett © Sarah Weissberg*

Türchen Nr. 13.: Modern Dance-Balladen

Die „Jungen Choreografen“ sind da, Tänzer des Hamburg Ballett, die noch nach Feierabend neue Sichten auf das Leben und seine Facetten erarbeiten: die Choreografie. Diese präsentieren sie u.a. in der Opera Stabile. Seit 1974 gibt es beim Hamburg Ballett dieses Format. Die „Work-in-progress“-Ausschnitte von Kristína Borbélyová, Marcelino Libao, Aleix Martínez und Pascal Schmidt setzen das Foyer unter Spannung. Vier schwarzgekleidete Tänzer lehnen vorn an der mobilen Bühnen-Wand, mit dem Rücken zum Publikum gewandt, eine autistische Haltung. Und schon beginnt das surreale Endzeitszenario der ersten Choreografie:

1. "Oblivion"
- Choreografin: Kristína Borbélyová, Tänzer: Winnie Dias, Pascal Schmidt, Nicolas Gläsmann, Nako Hiraki -

Ein scharfes, langgezogenes Geräusch wie das Schleifen eines Messers. Dahinter noch ein anderes – ein monotoner, wiederkehrender Elektro-Ton, es gibt kein Entrinnen, die Musik bleibt verstörend. Zwei Tänzer lösen sich von der Wand, ein Mann und eine Frau. Die Körper gleiten wellenartig übereinander, weiche Sprünge, jazzartiges Zucken der Arme, Lippen bewegen sich tonlos: ein pas de deux der Sprachlosigkeit. Die beiden andern schleudern, jeder für sich, ihre Körper in akrobatischen Windungen über die Bühne. Oblivion - ein Kathastrophenfilm bis zum bitteren nuklearen Supergau – tritt in Kristína Borbélyovás gleichnamiger Choreografie als ästhetischer Modern Dance auf, so soft, dass man hinein gesogen wird in den Trost getanzter Anmut.

2. "Paloma Muerta"
- Choreograf: Marcelino Libao, Tänzer: Pascal Schmidt, David Rodriguez Musik: Camille Saint-Saëns “The Carnival of the Animals” (Final) -

Zwei Tänzer hocken vorn auf der Bühne wie Krähen. Dann springen sie in atemberaubenden Hebefiguren umeinander, wedeln mit den Armen wie der Paradiesvogel beim Balztanz. “Paloma Muerta”? Aber nein, dafür sind sie viel zu fröhlich, im Rausch des furiosen Finales von „Camille Saint-Saëns “Carneval der Tiere“. Helle Piccoloflöten, Klarinetten, Xylophon, Streicher, rasende Pianopassagen und ein lachendes Tanzduo: Kabarett-Tanz mit Gute-Laune-Garantie.

3. N.N.: (Vorschlag: "Jetztzeit-Fragen")
- Choreograf: Aleix Martínez, Tänzer: Yaiza Coll, Nicolas Gläsmann -

Ein Paar, untrennbar aneinander gefesselt. Mit verschlungenen Armen über den Köpfen verwoben. Im Versuch, Befreiung zu finden durch Sprünge, weg von ihm, hin zu ihr. Ekstatisches Schütteln der Körper in Alltagskrämpfen. Finger zeigen anklagend ins Publikum, als gäbe es von dort Antworten. Erschöpft sinken sie auf den Boden, um gleich wieder Wange an Wange aufzustehen: Hingabe, Bewegung im Weichzeichner. „Wir sind alle gleich“ sagt Aleix Martínez eingangs während seiner Work in Progress-Einführung. „Doch einige haben mehr Probleme als andere.“ Vieles lässt sich hineininterpretieren in seine Choreografie: Ist es eine Liebesgeschichte? Ein Fluchtdrama? Oder eine lichthungrige Seele, gebeutelt vom Dämon der Schwermut? Eines ist sie bestimmt: ein wunderschön anzusehender Tango der Emotionen.

4. N.N.: (Vorschlag: "Christmas Flirt")
- Choreograf: Pascal Schmidt, Tänzer: Sara Coffield, Nicolas Gläsmann, Musik: A Capella group “Out of the blue”, Mariah Carey “All I want for Christmas” -

Kann ein Weihnachtssong sexy sein? Ja: Sara Coffield und Nicolas Gläsmann tanzen es, das allgegenwärtige Thema Flirten. Zu „All I want for Christmas” spielt Pascal Schmidts temporeiche Inszenierung mit Dating-Klischees: Kleid-Minimierung, Blick-Kokettierung, Strümpfe-Satinierung und Stiletto-isierung, Hebe- und auf Händen-Trage-Showeffekte. Die A-Capella-Version von “Out of the blue” überlagert den Mariah Carey-Song mit zahlreichen „Mana-Mana-Manas“, „Bada-Bada-Badas“ und „I do´s“ und auch das Flirt-Paar zeigt mimisch und gestisch, dass sich hier gerade ein Tanzstück ein bisschen über sich selbst lustig macht. Oder vielleicht über die Fußangeln des Datens: Make-Up-Last-Minute-Pannen, Underdressed-Sein, Bad-Hair-Day, Schüchternheit und Zu-Gesprächigkeits-Sünden. Von solchen Grübeleien werden die beiden Tänzer nicht bewegt, vielmehr läuft hier alles wie am Schnürchen: Tanz-Witz scheint bekömmlich für den Christmas-Flirt.

Verführung auf dem Barriere-Frei**: das Bundesjugendballett


Türchen Nr. 16.: “Simple Gifts” & “(Christmas) Thankful“

Lyrisch, getragen und friedlich klingen die Melodien heute im Foyer: Aaron Coplands „Old American Songs“ über die einfachen Dinge des Lebens, den Platz, an dem du zu Hause bist und das Tal, wo Liebe und Entzücken wohnen. Es ist das Bundesjugendballett, die Compagnie mit dem Faible für Ungewöhnliches, eine eigenständige, vom Bund geförderte Truppe, die heute mit vier Tanzstücken, so verschieden wie faszinierend, auftritt. Weiß gekleidete Tänzer gleiten mit gemessen fließendem Modern Dance in die frühe Siedlerromantik. Ein Hauch von Volkstanz liegt über den Schritten, die jedoch klar, fast streng bleiben. Paare bilden sich, zuletzt liegen die Mädchen mit ausgestreckten Armen auf den Knien der Jungs wie flatternde Geschenkbänder im Frühling: „Simple Gifts“ heißt die Choreografie, geschaffen von John Neumeier 2013 für das Internationale Musikfestival Heidelberger Frühling: eine Hommage an die Schönheit der Einfachheit.

Kontrastprogramm: die 4/4/4 Choreografie des Bundesjugendballett (Tänzer: Kristian Lever, Tilman Patzak, Joel Paulin, Ricardo Urbina Reyes, Beatbox: Anton »The Kid« Stender): da beat-boxt ein barfüßiger Mönch mit Mikro, rückwärts zum Publikum gewandt, während sich vier männliche Tänzer im Hip-Hop die Knie verwinden. Kaskadenartig werfen sie sich auf den Boden, Oberkörper bäumen sich auf, Tänzer und Mönch bleiben in ihrer jeweiligen Spur, hier spricht jemand die Sprache der Jugend, ob das Luther ist? Jedenfalls wird es ein gemeinsames Projekt von Bundesjugendballett und Bundesjugendorchester "Gipfeltreffen – Reformation" am 13. Januar 2017 geben. Ein ergreifender Pas de deux folgt: zur von Streichern melancholisch getragenen Air aus Bachs Suite Nr. 3 (Ouverture D-Dur BWV 1068) tanzt ein Paar die Choreografie von John Neumeier (Premiere: Hamburg 1981, Tänzer: Charlotte Larzelere, Joel Paulin). Ein Grand-plié der Tänzerin lässt die Zeit still stehen: gaaanz langsam, mit konzentriertem Blick sinkt sie vor ihrem Partner, der mit ausgebreiteten Armen dasteht, hinab, ein gekreuztes Motiv, vielleicht die Kreuzigungsszene.

Es bleibt jedoch nicht so traurig: in Sascha Rivas Choreografie (Christmas) Thankful (Musik: Judy Garland, Have Yourself A Merry Little Christmas; Frank Sinatra, Adeste Fideles) verkünden glückliche Grand jetés und leuchtende Gesichter die Frohe Botschaft: Barrierefrei. Oder auch: Tanz zu den Menschen tragen. Dies ist nämlich die Intention des Bundesjugendballett. Ungewöhnlich wie die Orte, an denen das Ensemble auftritt: in Szeneclubs, Seniorenheimen, Gefängnissen bringt es klassisches Ballett zu denen, die die anmutige Bewegungskunst nicht kennen, aber vielleicht sehr schön finden. Diese geniale Idee John Neumeiers beseelt die Kreationen, das Bundesjugendballett bringt sie per Reisebus und Auftritten in ganz Deutschland unter die Leute. Erst dieses Jahr hat das Bundesjugendballett die Rolle des „Kleinen Prinz“ von St. Exupery mit einem Kind mit Trisomie 21 besetzt und poetisch und formvollendet in einen anderen Kontext gestellt. Getanzte Philosophie, Tanzlabor, kreatives Querdenken: Markenzeichen des Bundesjugendballett. Bitte mehr davon! In den Kirchen warten noch so viele auf Barriere-frei-Hoffnung in Jugendsprache.

Da Capo, Adventskalender!


Türchen Nr. 23.: Barockhimmel

Der Klang von klarem Quellwasser. Ein dahin perlendes Flüsschen in einem Paradies, das es nicht mehr gibt: eine italienische Barockharfe verwandelt das Foyer in eine vergessene Epoche, in der Hausmusik und instrumentales Können zur allgemeinen Bildung gehörten. Auf der „Arpa Doppia“, so benannt nach ihrer doppelten Saitenbespannung, inszeniert Professor Löhr von der Musikhochschule Hannover Kompositionen des Barocks. Zwischen Toccaten und für Harfe transkribierten Suiten streut er Anekdoten: dass Bachs Angetraute Anna Magdalena in ihrer Bachchronik die Harfe nicht erwähnte, sei hoffentlich ein Versehen, eventuell habe Bach doch ein Stück für Harfe komponiert. (Vielleicht auch nicht: Seelenverwandte zeichnen selten etwas Falsches auf.). Und dann ist wirklich Weihnachten: die Pastorale aus Arcangelo Corellis Weihnachtskonzert (Concerto grosso Op. 6 Nr.8) trägt das Fest in den Raum, ein graziles Wesen mit langem schwarzen Haar und Fifties Petticoat erhebt sich aus den Zuschauerreihen und öffnet Türchen Nr. 24. am Weihnachtsbaum. Die Nachricht darin ist so erfreulich wie der Anblick der Päckchenfee: „Hurra, der Literarisch-Musikalische Adventskalender wird im nächsten Jahr wieder hier sein!“. Was für ein Weihnachtsgeschenk! Alles Gute im Neuen Jahr und auf Wiedersehen beim Adventskalender 2017 in der Staatsoper!

Fotos: Torsten Hacker, Kiran West*, Sarah Weissberg*
(*mit rechtlicher Genehmigung des Hamburg Ballett)
Text: © U. Korb

Barrierefreiservice in der Staatsoper**:

Damit auch bewegungseingeschränkte Menschen die wunderbaren Aufführungen besuchen können, hält die Staatsoper einen speziellen Service bereit: u. a. Aufzug, Rollstuhlfahrerplätze im Zuschauerraum-Parkett, zwei barrierefreie WCs. Alle Barrierefrei-Infos „Auf einen Blick“ finden Sie in der Infobox** (**Barrierefrei-Erhebungen der Akustikgruppe bf-hh.de) neben dem Text und unter staatsoper-hamburg.de.