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Künstlerdorf Worpswede

Paula Modersohn-Becker: Malerin zwischen Moor und Montparnasse


Die Malerin mit dem unruhigen Herzen und dem fast mystischen Blick auf die Natur und die Menschen, die sie portraitierte, lernte auf ihren vier Paris-Studienreisen von den bedeutendsten Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts. Fasziniert vom Taumel der französischen Großstadt formte sie Ihren farbgewaltigen Stil zum eigenen Aufbruch in die Moderne.

„Le dieu dans la nature“


Paula-Modersohn-Becker-Bildbände
Paula-Modersohn-Becker-Bildbände* © J. Klasing

Strahlende Erwartung im Gesicht, verträumte Augen: wie eine Filmdiva der 40er Jahre wirkt die junge Paula, ab 1898 Malschülerin in der Künstlerkolonie Worpswede am Teufelsmoor. Ein „Götterland“¹, eine Landschaft voller Wunder der Natur (Rainer Maria Rilke)² inspiriert die neue und aufregende Freilichtmalereiszene, die Künstler Otto Modersohn, Fritz Mackensen, Hans am Ende, Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler. Paula hat ihre Werke in einer Ausstellung entdeckt. Besonders „diesen Modersohn“ will sie kennenlernen: „Er hatte so etwas Weiches, Sympathisches in den Augen. Seine Landschaften … hatten tiefe Stimmung in sich. Heiße, brütende Herbstsonne, oder geheimnisvoll süßer Abend…¹“. Paula stellt diese magische Gegend anders dar als ihre Kollegen. Im Gras liegend, lässt sie innere Bilder aufsteigen, bevor sie malt, transponiert die Schöpfung in unbekannte Dimensionen. Man fällt geradezu hinein in ihre prallen, ebenso gegensätzlich wie harmonisch choreographierten Farben. Düsteres gegen Leuchtendes, stark, kraftvoll, aus der Erde Worpswedes erwachsen. Ihre Bilder strahlen in großzügigem Design, die ineinanderfließenden Konturen changieren geheimnisvoll um das „wahre Wesen der Dinge“, das sie in ihren Werken zu erfassen sucht.

Paris: L´art pour le monde


Reminiszenzen an Paris
Reminiszenzen an Paris* © J. Klasing

Illumination auf Avenuen, Glitzer und Glanz. Paris, 1900, Ziel aller Künstlersehnsucht, auch Paulas. In nostalgischem Schwarz-Weiß holt der Film „4 x Paris. Paula Modersohn-Becker“³ das Mekka der damaligen Künste ins Jetzt: Museen, Galerien, Cafés, Antiquariate⁴ am Seine-Quai, hastende Menschen unterwegs zur Weltausstellung, die Künstler am Montparnasse, dichtgedrängt auf hohen Stühlen in der Akademie Colarossi, der heutigen "Académie La Grand Chaumière" - wie eine Riesenbonbonniere breitet sich die Stadt vor Paula aus. Noch in der Silvesternacht 1899 hat sie sich dorthin aufgemacht. Ihr Tag ist streng getaktet: morgens zum Zeichnen in die Akademie, nachmittags schaut sie sich die alten Meister im Louvre an, abends wieder Aktstudien im Atelier, diesmal bei den Männern, denen traut sie mehr zu als den Damen, die Malen oft als Selbstinszenierung betreiben. Sie erringt als beste Schülerin die Medaille im Concours an der Akademie. Im Hotelzimmerchen nebenan wohnt ihre Freundin Clara Westhoff aus der Worpsweder Kunstgruppe. Von dieser soll sie sich „emancipieren“ fordert Paulas Vater, um ihren plakativen Stil wieder zu normalisieren. Daraus wird jedoch nichts. Mit Clara und der Clique zieht sie abends über die Boulevards, bis ins berühmte Künstlertanzlokal „Bal Bullier⁵.

Briefe mit Retrocharme
Briefe mit Retrocharme* © J. Klasing

Ganze Kapitel lyrisch-lebendiger Paula-Modersohn-Becker-Biografie widmet Rainer Stamm⁶ diesem prickelnden Paris. Mal ist sie für ein paar Monate dort (1903, 1905), 1906/07 sogar für ein Jahr. Lernen auf Autodidaktenkurs: im Louvre bewundert sie antike, ägyptische und altjapanische Kunst, deren Klarheit auf ihre Portraits ausstrahlen. Paul Cézannes perspektivische Stilbrüche zwischen Obst und Tischdecke, Gauguins sinnliche Südseeschönheiten vor tiefblauem Meer, von rosa Blüten gestreift - Ursehnsüchte nach dem Fremden, die auch in Paulas Werken anklingen. Ihre „Armenhäuslerin“ sitzt in selbstvergessen breitem „So-darf-ich-sein“ vor blühender Worpsweder Natur. Stillleben mit glühendsten Pfingstrosen, umgeben von Weizengelb, das an weite Felder erinnert, haben sich „jeglicher Perspektive entledigt“⁷, das Echo einer unbezähmbaren, unwiderstehlichen Stadt - Paris.

Lettres des désirs


Portrait der Künstlerin Paula Modersohn-Becker
Paula Modersohn-Becker in der Veranda
ihres Hauses, 1901, Paula Modersohn-
Becker-Stiftung, Bremen**

Opulente, rund geschnittene Bäumchen im Vorgarten, filigrane Rosenranken an der geschwungenen Freitreppe: die Jugendstilvilla „Barkenhoff“ des Worpsweder Künstlers Heinrich Vogeler lädt zum Fest. Drin schaut sich ein Paar über die Damast-Tischdecke hinweg an, zwei heimlich Verlobte, Paula Becker und Otto Modersohn. Schöner kann man es nicht beschreiben, als in Stefanie Schröders Romanbiografie „Paula Modersohn-Becker. Auf einem ganz eigenen Weg, 2017“⁸. Wort, Satz, Jahrhundert-Wende: schon fiebert man mit den beiden im weißen Salon. Für den Witwer Otto, ihren späteren Ehemann, ist Paula „der leuchtende Mittelpunkt“ seiner Tage. Paula hingegen, immer unterwegs zu neuen Horizonten, schreibt, obwohl glücklich mit ihm, die innigsten Zeilen immer, wenn sie gerade nicht zuhause in Worpswede ist, meist aus Paris. Ihre Briefe und Tagebücher⁹ reihen szenische, reflektierende Momente ihres Lebens aneinander, sind auch ein „bemerkenswertes Portrait der Pariser Künstleravantgarde“. Die Biografen rätseln bis heute, was die romantischen Verse zu bedeuten haben, die der Dichter Rainer Maria Rilke Paula verehrt hat. Der Briefkontakt des Lyrikers zu der visuell Hochbegabten bleibt lebenslang bestehen. Rilkes Verse treten auch auf in Natalie Davids wunderbarer Dokumentation „Paula Modersohn-Becker, ein Atemzug. Von der Antike zur Moderne (2007)“. Da wandern sie als melancholisch-leise Akkordeonlieder durch die traumhafte Worpsweder Landschaft und Wirkungsstätten der Künstlerin. Liebe, Freiheitsdrang, Zweifel, Willensstärke, Kunstleidenschaft, die Tragik ihres frühen Todes: diese Verse umhüllen ihr Leben wie ein weiches Wiegenlied, Zartes zwischen den Zeilen, zum Weinen schön.

Paula – la femme des accessoires


Foto von Paula Modersohn-Becker
Paula Modersohn-Becker in ihrem ehemaligen
Atelier im Brünjeshof****
© J. Klasing

Sie liebt Schmuck und Accessoires. Perlenketten, Früchte und Blüten schmücken ihre Selbstbildnisse. Ohne Zweifel eine weibliche Frau, doch ihr kühner Lebensentwurf zeigt das emanzipatorische Potential der Jetztzeit. Der großen Kunst in Paris fliegt sie entgegen wie die It-Girls dem Laufsteg, keine Kritik und keine Konvention hält sie auf, sie kann nicht anders. Doch alles mit Stil: selbst ihren winzigen Appartements in Paris entlockt sie Charme. Nelken, Tulpen in den Vasen, über dem Bett die Cretonnedecke, selbst gemalte Bilder an der Wand. Manchmal leiht sie sich teure Stoffe aus, um sie ein paar Tage zu genießen, doch sie kauft sie nicht. Nicht viel braucht die Künstlerin, die in weißen Spitzen-Musselin-Kleidern auf Fotos posiert, nur ihr unermüdliches Streben nach künstlerischem Ausdruck, die Faszination des Unbekannten. Die zeigt sich auch in ihren Portraits: teils gleichen sie Theatermasken, mit ihren weißen Schichten berückend wie Camouflage. Dann wieder funkelt die mit dem Pinsel aufgerauhte Oberfläche in vibrierenden Reflexen.

Worpswede, Patchwork-Decke der Künste


Magnolien
Magnolienexpressionismus © J. Klasing

Wer ist diese Frau, deren Werke erst posthum die Museen der Welt erobern konnten, da ihre Zeit noch nicht reif war für ihre kompromisslose Expressivität? In diesem Sommer kann man es herausfinden. „Paulas Welt – Annäherung an eine Legende“: Sonderausstellungen wie diese in der Worpsweder Kunsthalle zeichnen der Künstlerin selbst ein Portrait. Hinfahren, über die Wiesen schlendern, an Moorgräben und Birken entlang. Und dann geballte Kunst entdecken: Museen schmiegen sich wie Perlen um den Dorfkern, von Cafés, Galerien und Lädchen umschmeichelt.

Das Modersohn-Wohnhaus blickt wie eh und je über den gemütlichen weißen Gartenzaun auf die Dorfstraße. Innen ist es ein modernes Museum mit der größten Kunstsammlung der Worpsweder Gründerzeit, es enthält 21 original Paula-Modersohn-Becker-Gemälde. Besonders authentisch: die ehemaligen Wohnräume des Ehepaars Modersohn, das Efeu-gemusterte Wohnzimmersofa, im Kinderzimmer sitzen noch die Puppen auf den Stühlchen. Und überall findet man Künstlergeschichten: „Rilke hatte ja eine unglaubliche Ausstrahlung, wenn er seine Verse rezitierte“ erzählt eine, die es wissen muss - Susanna Böhme-Netzel. Die Geschäftsführerin der Worpsweder Kunsthalle ist die Enkelin von Ottilie Reylaender. Wie bitte? Ja, genau die, Malschülerin bei Fritz Mackensen und Freundin Paulas, die in Paulas Appartement in Paris wohnte und spannende Jahre in Mexiko verbrachte. Die sieht man den pastelligen, exotisch anmutenden Küstenbildern der Künstlerin an, auf denen weißgekleidete Frauen und Sombrero-behütete Männer der Muße frönen. Zum 100sten Geburtstag von Ottilie Reylaender gab es die erste Sonderausstellung, natürlich in Regie von Frau Böhme-Netzel. Sie hat auch noch das kugelige Museum „Käseglocke“, einstiges Wohnhaus des Schriftstellers Edwin Koenemann aus dem Jahr 1926, als Zögling. Mitten im Wald liegt der denkmalgeschützte, leider nicht barrierefreie Rundbau, eine Kulisse wie im Abenteuerfilm.

Ivanka Svobodová-Rinke
Foto Ivanka Svobodová-Rinke: Aus dem Zyklus
“Pixel-Paula” nach Selbstportrait von Paula
Modersohn-Becker, 2007-17***
© J. Klasing

Sogar in reetgedeckten Fachwerkhäusern verbirgt sich ein Museum - das „Haus im Schluh“. Zwischen Gemälden und Jugendstilmöbeln des Künstlers Heinrich Vogeler, kostbarem Kunsthandwerk und Mobiliar aus der Barkenhoff-Villa taucht der Besucher in eine Vergangenheit ein, in der er am liebsten wohnen möchte. Überraschung: das geht tatsächlich, in den reizenden Ferienwohnungen der historischen Bauernhäuser mit solch klangvollen Namen wie "Tulipan", „Atelier“ oder „Rosenzimmer“ (Museum bedingt barrierefrei, eine Anmeldung ist unter info@haus-im-schluh.de möglich).

Das ehemalige Atelier Paulas im Brünjeshof ist auch noch da. In dem denkmalgeschützten Gebäude wurde daraus ein süßes, kleines Ferienappartement im Besitz der Familie Uphoff (nicht barrierefrei). Bauerngärten in der Nähe schicken wie einst ihre grünen Inspirationen durch das große Fenster. Paulas schönstes Accessoire ist hier zum Greifen nah - ihr Genius. Er ist wie das Flirren des Montmartre und der leuchtende Himmel in Worpswede. Text: Ulrike Korb

Fotos: © Judith Klasing, © Paula Modersohn-Becker Stiftung (Atelier Schaub), © Wolf-Dieter Kuntze, © W. Unger

  • Himmelsblüten

    Himmelsblüten - © Judith Klasing

  • Ehemaliges Atelier Paulas im Brünjeshof

    Ehemaliges Atelier Paulas im Brünjeshof **** - © J. Klasing

  • Bauerngärten am ehemaligen Atelier Paulas im Brünjeshof

    Bauerngärten am ehemaligen Atelier Paulas im Brünjeshof **** - © J. Klasing

  • Blick auf die Bergstraße

    Worpsweder Kunsthalle***: Galerie und Buchkunst - Blick auf die Bergstraße - © J. Klasing

  • Haus im Schluh

    Museum „Haus im Schluh“***** - © Wolf-Dieter Kuntze

  • Puppen im Kinderzimmer

    Museum am Modersohn-Haus******: Puppen im Kinderzimmer - © J. Klasing

  • Skulptur Paula Modersohn-Becker

    Worpsweder Kunsthalle*** Clara Rilke-Westhoff: Skulptur Paula Modersohn-Becker, 1908, Bronze, Kunstsammlung Kreissparkasse Osterholz - © J. Klasing

  • Museum am Modersohn-Haus

    Museum am Modersohn-Haus****** - © W. Unger

Fotofreigabe...

Quellenangaben...

Barrierefrei-Infos Künstlerdorf Worpswede:

Quellen:

  • Worpsweder Touristik- und Kulturmarketing GmbH
  • Museen siehe Infobox

Infos, Kontakt, Beratung, Buchungen:

Worpsweder Touristik- und Kulturmarketing GmbH
Bergstraße 13
27726 Worpswede
Telefon: 04792-935820
Fax: 04792-935823
E-Mail: info@worpswede-touristik.de
www.worpswede-touristik.de

Anreise:

Übernachtung:

Hotel Rohdenburg (3 Sterne Hotel, Bewertung auf Hotel.de mit „Sehr gut“)
Trupermoorer Landstraße 28
28865 Lilienthal
Telefon: 04298 3610
Fax: 04298 3269
E-Mail: info@hotel-rohdenburg.de
www.hotel-rohdenburg.de

  • 5 Rollstuhlgeeignete Zimmer im EG nach DIN 18024 18025
    (mit rollstuhlgerechtem Badezimmer, allerdings ohne Notfallklingel)
  • Verbindung mit Buslinie 670 von Lilienthal nach Worpswede und zurück

Museen: (www.worpswede-museen.de)

„Eine mehrjährige Sanierung der Museen des Verbunds stand explizit unter dem Motto der Barrierefreiheit, sofern die denkmalgeschützten Gebäude dies zuließen.“
(Susanna Böhme-Netzel, Geschäftsführerin der Worpsweder Kunsthalle)