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Die autonome Behindertenbewegung


Gesundes Selbstbewusstsein:

Die autonome Behindertenbewegung konfrontierte die Mehrheitsgesellschaft mit ihren Unzulänglichkeiten


Die Geschichte der Selbstorganisation von Behinderten ist heutzutage weitestgehend unbekannt. Entstanden ist sie vor dem Hintergrund der Wahrnehmung von Menschen mit Handicap als „Zumutung“ für die Gesellschaft in den 1950er und 1960er Jahren. Beflügelt wurde die Bewegung durch die Außerparlamentarische Opposition (APO) nach 1968 und die Frauenbewegung in den 1970er Jahren. 1968 entstand in Hamburg der erste „Club Behinderter und ihrer Freunde“ (CeBeefs). In Frankfurt widmeten sich Volkshochschul-Kurse spezifischen Themen unter dem Motto „Bewältigung der Umwelt“. Außerdem wurden „Krüppelgruppen“ gegründet.

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© Nitschke Fotografien Bielefeld

Diese sehr unterschiedlichen Gruppierungen waren aktiver Teil der autonomen Behindertenbewegung. Deren Ziel war es, darauf aufmerksam zu machen, dass nicht mit ihnen etwas nicht stimmt, sondern mit einer Gesellschaft, die Menschen mit Handicap als Fremdkörper betrachtet und systematisch ausschließt. Ihren Höhepunkt hatte die Bewegung in dem „Krüppel-Tribunal“ vom 19. Dezember 1981 in Dortmund.

Die Aktiven setzten z.T. auf provokante Aktionen, diese waren in den verschiedenen Zusammenschlüssen von Betroffenen allerdings nicht unumstritten. Nach 1981 zerfaserte die Bewegung. Einige zogen sich frustriert zurück, andere fanden neue Betätigungsfelder, in denen sie kleinere und größere Erfolge erzielen konnten, z.B. in politischen Parteien oder als Integrationsbeauftragte auf kommunaler Ebene.

Durch einen langen zähen Kampf auf außerparlamentarischer und parlamentarischer Ebene im Einklang mit Betroffenen-Organisationen ist es im Laufe der Jahre gelungen, dass Diskriminierung von Menschen mit Handicap sowie deren Ausschluss aus der Gesellschaft durch Einschränkung ihrer Mobilität als Menschenrechtsverletzung benannt wird. Selbstbestimmt leben war und ist dabei das zentrale Anliegen. „Mittlerweile ist aus der Behindertenbewegung ein Netzwerk von LobbypolitikerInnen entstanden, das viel erreicht, aber nur noch selten provoziert oder gar schockiert. Als Bürgerrechtsbewegung hat die Behindertenbewegung vieles erreicht, …“, resümiert die Journalistin Rebecca Maskos in ihrem Blog Mondkalb.

Die NS-Vergangenheit aufarbeiten


Anfang der 1970er Jahre änderte sich die politische Landschaft. Die „68er“-Bewegung lüftete „unter den Talaren – Muff von Tausend Jahren“. Ein Transparent mit dieser Aufschrift wurde am 9. November 1967 an der Universität Hamburg von Studentenvertretern öffentlich enthüllt. Ein Foto der Aktion machte in den Medien Furore – so war der Slogan der Außerparlamentarischen Opposition (APO) geboren. Mit dem Spruch sollte auf die Kontinuität in Forschung und Lehre, aber auch Justiz und Politik hingewiesen werden, mit der Akteure, z. T. hohe Funktionäre in der Nationalsozialistischen Partei Deutschlands (NSDAP), aber auch Wehrmachtsgeneräle – nach denen bis heute Bundeswehr-Kasernen benannt sind – ungebrochen nach 1945 ihre Karrieren fortsetzen konnten.

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© Nitschke Fotografien Bielefeld

Ein Beispiel dafür ist der CDU-Politiker Kurt Georg Kiesinger, der 1966 als Bundeskanzler der Regierungskoalition aus CDU und SPD gewählt wurde. Er war 1933 in die NSDAP eingetreten und 1940 im Außenministerium zum Leiter der rundfunkpolitischen Abteilung ernannt, die für die Beeinflussung des ausländischen Rundfunks zuständig war. Er stand aufgrund seiner Position vermutlich in enger Verbindung zum Reichspropaganda-Ministerium.

Das Datum für die Protest-Aktion in der Hamburger Uni war nicht zufällig gewählt: „Am 9. auf den 10. November 1938 brannten die Synagogen. Sie brannten in Deutschland. Sie brannten in Österreich. Sie brannten in der Tschechoslowakei. Der 9. November ist der Tag, an dem organisierte Schlägertrupps jüdische Geschäfte und Gotteshäuser in Brand setzten. Es ist der Tag, an dem tausende Juden misshandelt, verhaftet oder getötet wurden. Spätestens an diesem Tag konnte jeder in Deutschland sehen, dass Antisemitismus und Rassismus bis hin zum Mord staatsoffiziell geworden waren. Diese Nacht war das offizielle Signal zum größten Völkermord in der Geschichte der Menschheit“, heißt es auf der Webseite der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württembergs.

Oder wie es die Hamburger Künstlerin und Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano ausdrückt: „Dieser Tag war der Test, wie weit die Bevölkerung bereit war, mitzugehen mit dem faschistischen Terror“.

Zu dem Muff unter den Talaren, der ans Licht der Öffentlichkeit geholt wurde, gehörte auch die bittere Wahrheit über das Euthanasie-Programm der Nazis: Es kostete 300.000 Menschen mit Behinderungen, chronischen und psychischen Krankheiten das Leben. Sie waren als „unwert“ aussortiert, und der faschistischen Vernichtungsmaschinerie übergeben worden. 400.000 Menschen wurden zur Sterilisation gezwungen.

Ursprünglich wurde Euthanasie, was übersetzt so viel wie „schöner Tod“ bedeutet, mit Schwerkranken in Verbindung gebracht, denen qualvolles Leiden erspart werden sollte. Allerdings war damit Sterbebegleitung gemeint, nicht deren Tötung – schon gar nicht gegen ihren Willen oder den ihrer Angehörigen.

„Erst Ende des 19 Jahrhunderts wird der Begriff „Euthanasie“ in Zusammenhang mit der Tötung schwerkranker und unheilbar kranker Menschen diskutiert“, wird auf der Webseite des „Gedenkorts T 4“ erläutert. „Der Philosophie- und Physikstudent Adolf Jost fordert in seiner 1895 in Göttingen vorgelegten Schrift ´Das Recht auf den Tod` als erster sowohl die Freigabe der Tötung auf Verlangen körperlich Kranker als auch die Freigabe der Tötung sog. Geisteskranker. Der Wert des Lebens steht dabei für ihn im Mittelpunkt. Dieser bestehe aus der Summe von Freude und Schmerz, die das Individuum empfindet, und der Summe von Nutzen und Schaden, die das Individuum für seine Mitmenschen darstellt. Der Wert eines Menschenlebens könne, so Jost, negativ werden. Wegen der Akzeptanz in der Bevölkerung solle der Staat aber zunächst den Ärzten nur erlauben, unheilbar Kranke nach Dokumentation ihrer Willensbekundung zu töten, erst in einer zweiten Stufe solle der Staat die Tötung der Geisteskranken an sich ziehen und regeln.“

1920 erschien die Schrift des Strafrechtlers Karl Binding und des Psychiaters Alfred Hoche "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens". Diesen Begriff machten sich die Nazis zu eigen und töteten, wie eingangs erwähnt, etwa 300.000 Menschen, deren Leben sie für „nicht lebenswert“ erklärten. Die Hamburgerin Antje Kosemund hat in dem Buch „Sperlingskinder“ die Geschichte ihrer Schwester Irma Sperling aufgeschrieben, die eines der Opfer dieses Euthanasie-Programms war.

Vom „Sorgenkind“ zum aufmüpfigen „Krüppel“


Die „68er“ veränderten die politische Kultur im Land. Nicht nur Eltern und Großeltern mussten sich die Frage gefallen lassen: „Was hast Du zwischen 1933 und 1945 gemacht?“, sondern die Lebenskonzepte der Nachkriegsgeneration wurden grundsätzlich infrage gestellt.

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© Nitschke Fotografien Bielefeld

„Selbstbestimmung“ spielte plötzlich eine entscheidende Rolle in der politischen Auseinandersetzung: Die Studierenden wollten über Inhalt und Form der Lehre mitbestimmen, Jugendliche forderten selbstverwaltete Jugendzentren und die Frauenbewegung beanspruchte eigene Räume, in denen Frauen unter sich über ihre Belange diskutieren konnten.

All das wollten die „Behinderten“, wie sie unterdessen allgemein genannt wurden, auch: Selbst entscheiden, wie – und wo – sie leben wollten, gleichberechtig und uneingeschränkt an der Gesellschaft partizipieren – und sich nicht von Nicht-Behinderten reinquatschen lassen. Analog zur Frauen-, Ökologie- und Anti-Kriegsbewegung entstand auch die autonome Behindertenbewegung.

Anfang der 1970er Jahre gab es in der bundesdeutschen Gesellschaft so gut wie keinen Raum für Menschen mit Handicap. Es gab kaum behindertengerechte Wohnungen. Auch öffentliche Gebäude und Ämter waren für Menschen mit Handicap nicht zugänglich, von Theatern, Museen oder Kneipen ganz zu schweigen.

Von Anfang an war die autonome Behindertenbewegung geprägt von der Auseinandersetzung über die Form der politischen Aktionen sowie darüber, ob Menschen ohne Handicap in der Bewegung als aktiver Teil geduldet wurden oder nicht. Die CeBeeFs z. B. lehnten radikale Aktionen ab und setzten auf gegenseitige Akzeptanz von Behinderten und Nicht-Behinderten.

Auch in den Frankfurter Volkshochschul-Kursen arbeiteten Behinderte und Nicht-Behinderte zusammen. Im Rahmen des Kurses wurde u.a. die Zugänglichkeit von öffentlichen Gebäuden für Rollstuhlfahrer geprüft. Da diese Gebäude allesamt nicht zugänglich waren, wurden sie mit dem Prädikat „behindertenfeindlich“ ausgezeichnet.

Diese Überprüfungen wurden auf Straßenbahnen ausgedehnt wurde, dabei kam es zu der ersten spektakulären öffentlichkeitswirksamen Aktion, die Markus Brück auf der Webseite „Sonderpädagoge“ beschreibt:

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© Nitschke Fotografien Bielefeld

„Am 18. Mai 1974 wurde der Kurs dabei begleitet von (je) einem Fernsehteam des ZDF und WDR. Nach der ´Prüfung` mehrerer Gebäude machte sich der Kurs schließlich auf zu einer Straßenbahnhaltestelle. Dort versuchte ein Teilnehmer im Rollstuhl, in die Straßenbahn einzusteigen. Nachdem die erste Straßenbahn einfach weiter gefahren war, nahm sich bei der zweiten der Fahrer die Zeit, zu prüfen, ob denn der Rollstuhlfahrer in die Bahn könnte. Sein Urteil über den Einstieg: ´Zu schmal. Sie sehen selbst: eine Sperre versperrt die Tür, dass der Rollstuhlfahrer nicht rein kann. Damit ist es leider unmöglich für ihn, Straßenbahn zu fahren`. Inzwischen war Gusti Steiner auf die Straßenbahnschienen gefahren, er blockierte damit den Weg für den Zug. Per Megaphon erklärte er, dass Behinderte durch öffentliche Verkehrsmittel ´in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt` werden. Da es Samstag war und die Straßen sehr bevölkert, erregte Steiner damit viel Aufsehen, eine Menschenmenge sammelte sich, schließlich versuchten sogar zwei Polizisten, ihn wegzubewegen, wollten ihn jedoch nicht selbst von den Schienen heben. Die Reaktionen der Passanten reichten von Verständnis dafür, dass eine so kleine Gruppe nur über solche Aktionen Aufmerksamkeit erlangen kann, bis zur offenen Verachtung und Pogromstimmung. Erst nach einer halben Stunde gab Gusti Steiner die Schienen wieder frei.

Die Aktion fand sehr große Beachtung. Der Fernsehfilm, den das WDR gedreht hatte, wurde sehr positiv aufgenommen, er zwang dazu, ´die eigene Haltung, auch die des Mitleids zu überprüfen`.“

Ein Teil der autonomen Behindertenbewegung radikalisierte sich, nannte sich „Krüppel“, mischte sich als „Krüppelbewegung“, die eine Zusammenarbeit mit Nicht-Betroffenen konsequent ablehnte, aktiv ein und gründete eine eigene Zeitung, die von 1980 bis 1985 als „Krüppel Zeitung“ erschien, und danach in „Randschau“ umbenannt wurde. Im Jahr 2000 wurde die Zeitung eingestellt.

Ein Vertreter der „Krüppel-Bewegung“, Franz Christoph, protestiert auf seine Weise gegen das von der UNO für 1981 ausgerufene „Jahr der Behinderten 1981“: Bei einer Veranstaltung zur Eröffnung der Messe „REHA 81“ am 18. Juni schlug er dem Schirmherrn, Bundespräsident Karl Carstens (CDU) mit seiner Krücke gegen das Schienbein. Wie Brück schreibt: „Damit der erste Schlag nicht als ´Ausrutschen` gedeutet werden konnte, gleich zweimal.“

Vorbild für diese Aktion war die Ohrfeige, die die deutsch-französische Publizistin Beate Klarsfeld am 7. November 1968 beim CDU-Parteitag Kurt Georg Kiesinger verpasste. Klarsfeld warf ihm vor, während seiner Tätigkeit für den dem NS-Propaganda-Ministerium unterstellten Rundfunk antisemitische Propaganda verbreitet zu haben. Beate Klarsfeld wurde noch am 7. November 1968, dem Tag der Tat, in einem beschleunigten Verfahren zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, musste diese Strafe jedoch wegen ihrer zweiten, der französischen Staatsangehörigkeit nicht antreten.

Franz Christoph jedoch blieb vor einer Strafe verschont: „Die Konsequenzen seiner ´Krüppelschläge`: keine“, schreibt Brück. „Carstens verzichtet auf eine Anzeige. Damit wurde deutlich, was Franz Christoph auch zeigen wollte: Behinderte werden ´nicht mal als Straftäter oder gar Attentäter ernst genommen`.“

Das Urteil vom Februar 1980


Wie schon erwähnt galten Behinderte der nicht-behinderten Mehrheitsgesellschaft als „Zumutung“. Eine Sicht, der auch das Landgericht Frankfurt im Februar 1980 in einem Urteil folgte: Einer Frau wurde Schadensersatz zugesprochen, weil sie an ihrem Urlaubsort den Speisesaal gemeinsam mit einer Gruppe von geistig Behinderten benutzen musste. Das sei „unzumutbar“ urteilte die Kammer. Für unzumutbar hielt die autonome Behindertenbewegung indes das Urteil. Am 8. Mai 1980 gingen etwa 5.000 Menschen, körperlich und geistig sowie nicht-behinderte Menschen gemeinsam dagegen auf die Straße.

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© Nitschke Fotografien Bielefeld

„Die Proteste gegen das „Frankfurter Urteil“ gelten als Startschuss der Behindertenbewegung in Deutschland. Dass behinderte Menschen sich aktiv wehren, laut und wütend gegen Diskriminierung vorgehen, das hatte man bis dahin noch nicht gesehen. Das Urteil wurde durch die Demonstration nicht zurückgenommen. Dennoch gab sie der entstehenden Bewegung das nötige Selbstbewusstsein. Und zum ersten Mal in der Geschichte der BRD schaffte es der Widerstand behinderter Menschen in die ´Tagesschau`“, schreibt Rebecca Maskos in ihrem Blog „Mondkalb“

Nach dieser erfolgreichen gemeinsamen Aktion arbeiteten die unterschiedlichen Gruppen weiterhin zusammen. Im Hinblick auf das „UNO-Jahr der Behinderten 1981“ sollten Protest-Aktionen geplant werden, da die Betroffenen davon ausgingen, dass nicht mehr als Sonntagsreden zu erwarten seien. „Die Reden und Festveranstaltungen waren für die Mitglieder der Aktionsgruppe eher eine Gefahr für die Anfänge der Selbstorganisation, ihren eigenen Forderungen widersprechend“, so Brück.

Ihren Protest brachten die Betroffenen schon bei der Eröffnungsveranstaltung zum Ausdruck, indem sie die Bühne besetzten. Laut Brück sprach sich das im Hinblick auf das UNO-Jahr entstandene Aktionsbündnis „gegen Sondereinrichtungen, Sonderhilfsmittel oder Sonderbehandlung aus und forderte die Anerkennung ihrer Selbstvertretungsrechte. Erfolg dieser und der übrigen Aktionen 1981 war ein großes Maß an Solidarität unter den verschiedenen Gruppen der Krüppelbewegung, aber auch eine Veränderung des Bildes der Behinderten in der Öffentlichkeit: die Aktionen wiederlegten das Bild, dass der Behinderte ´dankbar, demütig, unselbständig, ohnmächtig` ist. Stattdessen bemerkte eine breite Öffentlichkeit erstmals eine Gruppe selbstbewusster, sich mit der Realität auseinandersetzender und gegen Missstände ankämpfender Behinderter“. Allerdings gab es auch Betroffene, die nicht der autonomen Behindertenbewegung angehörten, die über die Aktion verärgert waren.

Franz Christoph hatte allerdings den Eindruck, dass die „Bühnenbesetzung gar nicht so sehr als Störung empfunden“ worden sei, sondern „als Teil der Gesamt-Show“. Vielleicht seien “kritische und ein bisserl aufmüpfige und noch halbwegs lebendig wirkende Behinderte eher als ein Beweis einer gelungenen Rehabilitationspolitik zu benutzen.“ Was als Protest gegen „eine misslungene und entwürdigende Rehabilitationspolitik gemeint“ gewesen sei, werde „uminterpretiert in einen Beweis gerade für die Qualität dieser Politik“. Diese ernüchternde Feststellung veranlasste ihn dazu, wie oben beschrieben Carstens im Juni 1981 mit seiner Krücke gegen das Schienbein zu schlagen.

Das „Krüppeltribunal“


Doch trotz aller Differenzen und unterschiedlichen Bewertungen der Aktionen, die autonome Behindertenbewegung hielt an ihrem zu Beginn des „UNO-Jahres der Behinderten“ verkündeten Plan fest, an dessen Ende ein „Krüppeltribunal“ durchführen zu wollen, das am 19. Dezember 1981 in Dortmund stattfand – aus Protest gegen die inhaltsleeren Sonntagsreden, die im Rahmen des UNO-Jahres gehalten wurden.

Vorbild für diese Aktionsform war das Russell-Tribunal, das am 2. Mai 1967 eröffnet wurde. Das „Vietnam War Crimes Tribunal“ (Vietnam-Kriegsverbrechen-Tribunal) war vom britischen Mathematiker, Philosophen, Literaturnobelpreisträger und Friedensaktivisten Lord Bertrand Russell einberufen und nach ihm benannt worden. Ziel war es, die Wahrheit über den Vietnam-Krieg herauszufinden, und die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. Die Eröffnungsrede hielt der französische Schriftsteller und Existenzialist Jean Paul Satre.

Das Tribunal hatte zwar nur symbolischen Charakter und konnte niemanden juristisch zur Rechenschaft ziehen, bildete aber die Vorlage für die späteren Kriegsverbrecher-Prozesse in Den Haag. Und war Vorbild für das wenn auch wesentlich bescheidenere Dortmunder „Krüppel-Tribunal“.

15 Gruppen beteiligten sich an der Vorbereitung, und arbeiteten verschiedene Anklagepunkte aus, die verhandelt werden sollten:

  1. Heimsituation
  2. Behördenwillkür
  3. Fahrdienst
  4. Erwerbslosigkeit und Werkstätten für Behinderte
  5. Rehabilitationszentren
  6. Medien
  7. Behinderte Frauen
  8. Pharmaindustrie
  9. Psychiatrie (zitiert nach Markus Brück)

 

Allein die Tatsache, dass dieses Tribunal durchgeführt wurde, ist als großer Erfolg zu bewerten. Zum ersten Mal wurde die systematische Diskriminierung von Menschen mit Handicap als Menschenrechtsverletzung angeprangert.

Allerdings hat der Erfolg eher symbolischen Charakter und stärkte vor allem das Selbstbewusstsein der Betroffenen. Die erhobenen Forderungen, den öffentlichen Raum zugänglich zu machen, den Bedürfnissen der Betroffenen entsprechende Sozialwohnungen zu bauen, in gesellschaftliche Inklusion statt in Ausgrenzung durch Behindertenwerkstätten zu investieren, etc., konnten nicht realisiert werden. Im Gegenteil: Die damalige sozial-liberale Bundesregierung unter Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) beschloss ein Sparprogramm, in dem mehr als 100 Mio. Mark bei der beruflichen und medizinischen Rehabilitation eingespart werden sollten, die Anpassung der Sozialhilfe an die Inflationsrate, von der damals ein großer Teil der Betroffenen abhängig war, wurde gesenkt und ein „Sofortprogramm“ zum Bau von z.T. behindertengerechten Sozialwohnungen wurde gestrichen.

30 Jahre nach dem „Krüppel-Tribunal“ anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember 2011 stellte die Geschäftsführerin der „Interessensvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland“ (ISL), Dr. Sigrid Arnade, fest: „Die Aussagen des seinerzeitigen Tribunals sind leider noch erschreckend aktuell.“ In einer Pressemitteilung forderte Arnade, die „Menschenrechtsperspektive zu schärfen“, und „umfassende Barrierefreiheit“ zu schaffen.

Die Selbstorganisation von Behinderten in den 1970er und 80er Jahren hat also eindeutig Spuren hinterlassen – vieles scheint heute selbstverständlich. Doch Menschen mit Handicap haben nach wie vor viele Hürden zu überwinden. Nicht nur räumlicher Natur, sondern auch die Barrieren in den Köpfen der nicht-betroffenen Mehrheitsgesellschaft. Auch in denen der Politikerinnen und Politiker, die auf unterschiedlichen parlamentarischen Ebenen über Verbesserungen und Finanzierung von Inklusions-Maßnahmen zu entscheiden haben. Text: Birgit Gärtner