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Autismus


Mangelnde soziale Kompetenz oder die Chance, Neues zu entdecken?


Viel bekannt ist nicht über das Krankheitsbild Autismus. Genau genommen ist es auch kein Krankheitsbild, sondern ein Spektrum. Innerhalb dieses Spektrums gibt es die unterschiedlichsten Varianten, doch sie haben alle eines gemeinsam: Autistinnen und Autisten kommen der Rest-Gesellschaft meist etwas schrullig vor, gelten als Eigenbrötler, ecken wegen ihres Sozialverhaltens an, haben die absonderlichsten Interessen und verfügen über Wissen, das kein Mensch braucht. Von wegen! Denn das, was gemeinhin als Schwäche gilt, ist bei richtiger Förderung Stärke. Viele Autistinnen und Autisten besitzen Fähigkeiten, die zu nutzen für uns alle von Vorteil wären. Ein Potential, das, wenn es denn richtig gefördert und genutzt würde, zu nicht weniger imstande wäre, als die größten Probleme der Menschheit zu lösen, z. B. Krankheiten zu heilen oder die Klimakatastrophe zu verhindern.

Ein breites Feld


„Autismus ist eine neurologische Variante, die bei etwa einem Prozent der Bevölkerung vorkommt. Einfach ausgedrückt: Bei autistischen Menschen ist das Gehirn ein bisschen anders verdrahtet als bei anderen Menschen. Deshalb haben sie mit manchen “einfachen” Dingen große Schwierigkeiten, während sie “schwierige” Herausforderungen manchmal spielend bewältigen“ wird das Spektrum auf der Webseite autismus-kultur.de umrissen. Demzufolge teilen zwar alle autistischen Menschen bestimmte Merkmale, aber alle haben ein eigenständiges Persönlichkeitsprofil innerhalb dieses Spektrums.

Als „Charakteristika von Menschen im Autismus-Spektrum“ werden aufgeführt:

  1. Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation
  2. Schwierigkeiten im sozialen Verständnis
  3. Ungewöhnliche Denkweise und Problemlösungen
  4. Atypische, manchmal repetitive (immer wiederkehrende) Bewegungen
  5. Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion
  6. Andere Wahrnehmungsverarbeitung
  7. Intensive, oft spezielle Interessen
  8. Bedürfnis nach Beständigkeit

Doch nicht bei allen kommen alle Faktoren zusammen und auch auf Nicht-Betroffene kommen nicht selten mehr als einer der genannten Punkte vor. Genau das macht es auch so schwer, eine exakte Diagnose zu stellen. Das passiert häufig erst im Erwachsenenalter. Dann sind aber wichtige Momente für die Weichenstellung zu einem ganz normalen Leben oft vertan. Das gilt für beide Seiten. Denn während den Nicht-Betroffenen die Schrullen häufig als soziale Inkompetenz erscheinen, leiden die Betroffenen unter der Rücksichtslosigkeit, also letztlich der sozialen Inkompetenz, der Rest-Gesellschaft. Dadurch, dass Autismus – vor allem im Kindesalter – als problematisch erachtet wird, werden die Betroffenen zwar häufig kritisiert, aber selten bis nie gelobt. Das hindert sie daran, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Das Asperger Syndrom


Eine Facette innerhalb dieses Spektrum ist das Asperger-Syndrom. Das wiederum ebenfalls unterschiedliche Erscheinungsformen hat, die Palette reicht von minder- bis hochbegabt.

„Das Syndrom wird häufig erst spät diagnostiziert, da die Ausprägungen nicht immer sehr auffällig sind. Menschen mit Asperger-Syndrom wirken auf ihre Mitmenschen meist einfach nur schrullig und etwas merkwürdig. Die Auffälligkeiten werden gerade im Kindesalter mit sozialen Problemen und Verhaltensstörungen in Verbindung gebracht. Viele Betroffene erfahren erst im Erwachsenenalter, dass sie an diesem Syndrom, das bislang als nicht heilbar gilt, leiden“, schreibt die open mind akademie auf ihrer Webseite.

„Die Schwierigkeiten der Früherkennung liegen darin, dass Kinder mit Asperger Autismus normale Schulen besuchen können. Nur wegen ihrer Vergesslichkeit oder einer sozialen Inkompetenz fallen sie aus dem Rahmen. Erst wenn sich die Symptome verstärken und die Kinder aggressiv werden oder sich völlig zurückziehen, wird eine Diagnose erstellt. Manche Menschen mit Asperger-Syndrom durchlaufen ihre ganze Schulzeit jedoch auch ohne große Auffälligkeiten, sodass das Syndrom gar nicht erkannt wird. Wegen ihres zurückgezogenen, manchmal unverständlichen Verhaltens, fast immer aber wegen ihrer Unfähigkeit, im Team zu arbeiten, bleiben die Schwierigkeiten später im Job und im Privatleben nicht aus.“

Allerdings weisen die Charaktere im Bereich Asperger auch große Stärken auf: „Die Betroffenen verfügen über einen sehr starken Gerechtigkeitssinn. Lügen, Illoyalität oder Unzuverlässigkeit sind ihnen fremd. Ihre sprachlichen Fähigkeiten sind sehr ausgeprägt, wobei sie jeden Satz wörtlich nehmen und meinen. Gelegentlich haben sie ein fotografisches Gedächtnis, das ihnen eine erstaunliche Wissensfülle vor allem in ihren speziellen Interessensgebieten vermittelt. Oftmals handelt es sich bei Asperger-Patienten um Menschen, die über eine Hochbegabung oder eine Inselbegabung verfügen. Hat ein Bereich erst einmal ihr Interesse geweckt, bleiben sie motiviert und legen eine große Leistungsbereitschaft an den Tag.“

Genau das zu nutzen, und den Begriff „Asperger-Syndrom“positiv zu besetzen, fordern Carol Gray und Tony Attwood in ihrem Buch „Was wäre wenn das Asperger-Syndrom anhand seiner Stärken definiert wäre? Die Entdeckung von Aspie“.

Die beiden schlagen vor, statt von „Menschen mit Asperger-Syndrom“ von „Aspies“ zu sprechen: „Die Entdeckung der Aspies rückt einige wertvolle, gefährdete Gelegenheiten in den Fokus, die wiederholt vorbeimarschiert sind, ohne dass ihr Potential adäquat erkannt worden wäre. Es gibt die Gelegenheit, neue Freunde zu finden; die Chance, jene zu bedenken, die vergleichsweise unbeholfen zu sein scheinen, aber entschieden ehrlicher und authentischer. Außer der Entdeckung neuer Freundschaften gibt es die Möglichkeit, einzigartige Perspektiven und Talente, Probleme zu meistern, nutzbar zu machen. Es gibt einiges zu tun im kommenden Jahrhundert – Krankheiten zu heilen, die Umwelt zu retten, Freiheiten zu bewahren. Glücklicherweise gibt es Menschen mit Denkweisen, die fähig sind, die Herausforderung anzunehmen, fähig zu fokussieren und beharrlich durchzuhalten. Sie besitzen Perspektiven und Talente, die einzigartig genug sind, die größten Probleme zu lösen oder die herausforderndsten Projekte voranzubringen. Sie sind Aspies. Sie sind der lebende Beweis dafür, dass die besten Orte zum Spielen immer die sein werden, die erst entdeckt werden.“

Das Projekt Autisten für Autisten (AfA)


„Unser gemeinnütziges Peer-to-Peer Projekt bietet in dieser Form deutschlandweit erstmals umfangreiche Unterstützungsangebote, die vor allem Menschen aus dem Autismus Spektrum einen persönlichen Zugang zum Ersten Arbeits- und Ausbildungsmarkt ermöglichen und erleichtern.

Das umfasst Fortbildungen für Menschen aus dem Autismus Spektrum, Trainings für Fachkräfte, Schulungen für Arbeitgeber, Vernetzung von Experten, Institutionen, Entscheidern aus Politik und Wirtschaft und die Unterstützung von Angehörigen sowie Online und direkte Vor-Ort Angebote“, wird das Projekt auf der Webseite beschrieben.

Der Initiator des Projekts, Aaron Wahl, ist selbst Aspie, auch er wurde abgeschrieben, eine Therapie könne lediglich dazu beitragen, dass er mit der Situation zurechtkäme, beschreibt er auf der Webseite seinen Leidensweg: „Dann galt ich irgendwann als komplett arbeitsunfähig, berentet, ohne Ausbildung und nur mit einem Realschulabschluss.“ Erst mit 25 wurde bei ihm das Asperger-Syndom diagnostiziert.

„Während meiner Kindheit war ich immer etwas zurückgezogener, habe im Kindergarten überwiegend alleine gespielt und mich auch nie zu Fasching oder Halloween verkleidet. … Während der Schulzeit wurde meine ´Andersartigkeit`` sehr deutlich, gerade in sozialen Kontakt, in zwischenmenschlichen Konstellationen und durch anscheinend andere Denkprozesse und meine extrem zurückhaltende Art.“

Mit vielen Kurven und steilen Hängen führte sein Weg schließlich zum „PEM Center“ wo die Perdekampsche Emotions Methode (PEM) angewandt wird: “ Hier wird ihnen ein Ort angeboten, wo sie ihre Potenziale entfalten dürfen, wo sie Unterstützung bekommen, wenn sie welche möchten und nur dort, wo sie welche möchten. Und wo sie genau den direkten Zugang zu Emotionen lernen können, den auch ich gerade erlerne und der mir bei so vielem hilft. Die Methode wird schon sehr lange Zeit praktisch angewendet. Im Schauspielbereich und auch in themenbasierten Kursen oder in der Persönlichkeitsentfaltung.“

Dort hat Aaron Wahl auch die Idee geboren, das afa-projekt zu gründen, um anderen Betroffenen die Möglichkeit zu geben, ebenfalls gestützt durch PEM, eine Perspektive aufzubauen. Ganz wichtig ist ihm dabei, kein Image als „Wunderheiler“ aufzubauen: „Wir bieten Unterstützung an. Nicht mehr und nicht weniger. Das heißt: Keine Heilung, kein Wundermittel, keine Therapieform oder sonstiges. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Unterstützung des individuellen und eigenen Weges das ist, was hilft.“

Afa beteiligt sich an der diesjährigen „Woche der Inklusion“.

Informationen zu dem Projekt unter:
Projekt Autisten helfen Autisten
PEM Center Hamburg
Kunst- & Kulturzentrum für emotionale Bildung
Reginenstraße 18, 20539 Hamburg
Tel.: 040 55434099
Email Text: Birgit Gärtner