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Inklusion am Arbeitsmarkt


Menschen mit Handicap sind überdurchschnittlich oft von Erwerbslosigkeit betroffen


Betriebe mit mindestens 20 Beschäftigten sind verpflichtet, Menschen mit Schwerbehinderung einzustellen. 5% der Beschäftigten sollten Menschen mit Schwerbehinderung sein, Frauen mit Schwerbehinderung bevorzugt eingestellt werden. So steht es im 9. Sozialgesetzbuch § 71 geschrieben. Betriebe, die dieser 5%-Quote nicht entsprechen, können allerdings Ausgleichszahlungen leisten. Außerdem können sie dieser Verpflichtung Genüge tun, indem sie den Behindertenwerkstätten Aufträge erteilen, und somit dort zwar für Arbeitsplätze sorgen – sich vor der Verantwortung im eigenen Betrieb allerdings drücken. So bleiben vielen Betroffenen nur die Behindertenwerkstätten, also Jobs auf dem 2. Arbeitsmarkt, die zudem extrem niedrig entlohnt werden.

Oder sie finden überhaupt keinen Job. Mit 13,4% liegt die Erwerbslosenquote bei Menschen mit Handicap mehr als doppelt so hoch wie die Quote, die die offizielle allgemeine Erwerbslosen-Statistik ausweist. Laut der Fraktion der Partei DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft stieg die Zahl der erwerbslosen Menschen mit Handicap seit 2010 um 152 Personen, während die Zahl der Betriebe, die Ausgleichszahlungen leisten, um 300 zunahm. Dieses Missverhältnis sowie die Forderung, den ersten Arbeitsmarkt für Menschen mit Handicap zu öffnen und die Arbeitsplätze entsprechend deren Bedürfnissen und Fähigkeiten anzupassen, will DIE LINKE im Rahmen der „Woche der Inklusion“ mit Expertinnen und Betroffenen diskutieren.

Erwerbslosenquote bei Menschen mit Handicap doppelt so hoch


Laut einer Studie, die „Aktion Mensch“ mit dem „Handelsblatt Research Institute“ erstellte, gab es im Oktober 2016 in Deutschland 45,4 Mio. arbeitsfähige Menschen; 2,9 Mio. davon waren offiziell, laut Bundesagentur für Arbeit, erwerbslos gemeldet. Das entspricht einer Quote von 5,8% (Stand Oktober 2016). Registriert waren 178.809 Erwerbslose mit Handicap. Das entspricht – auf die Gruppe der erwerbsfähigen Menschen mit Handicap bezogen – einer Quote von 13,4%.

Von diesen 13,4% Erwerbslosen mit Handicap galten 45,8 als Langzeiterwerbslose, d.h., ihre Erwerbslosigkeit dauerte mehr als 1 Jahr. Im Vergleich dazu liegt der Anteil der Langzeiterwerbslosen bei den Menschen ohne Handicap bei 37,2%. Also ebenfalls deutlich unter der Quote der Betroffenen mit Handicap.Bundesweit beschäftigen der Studie zufolge 152.538 Betriebe mindestens eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter mit Handicap. Insgesamt waren es 1.042.889 Beschäftigte mit Handicap. Damit wurde die Sollzahl von 1.071.737 mit 28.848 Personen unterschritten.

Laut der Studie gaben 8% der befragten Beschäftigten an, im Kollegenkreis aufgrund des Handicaps nicht voll akzeptiert zu sein. 13% beklagten, nicht ihrer Qualifikation entsprechend eingesetzt zu sein; davon 19% bei den unter 45jährigen und 11% bei den über 55jährigen. Das betrifft vor allem Beschäftigte in den Bereichen Handel und Logistik. 28% der Befragten gaben an, sich keine Entwicklungsmöglichkeiten, sprich Aufstiegschancen auszurechnen. Den Befragten zufolge waren lediglich 23% der 152.538 Betriebe vollständig barrierefrei, 20% gar nicht barrierefrei (Quelle).

In Hamburg waren laut Antwort des Senats auf eine Schriftliche Kleine Anfrage der Partei DIE LINKE 2.826 Personen mit Handicap mit abgeschlossener Berufsausbildung im Jahr 2015 erwerbslos gemeldet; davon 1.514 Schwerstbehinderte. Insgesamt werden den Senatsangaben zufolge an dem 2006 eingerichteten Standort für die „vermittlerische und leistungsrechtliche Betreuung schwerbehinderter Kundinnen und Kunden“ ca. 6.700 Leistungsberechtigte betreut. In dem abgefragten Zeitraum, 2010-2015, nahm die Zahl der Betriebe, die eine Abgabe zahlen statt Menschen mit Handicap zu beschäftigen, um etwa 300 zu (Quelle).

DIE LINKE schlussfolgert daraus, dass in Hamburg Menschen mit Handicap auch deswegen überdurchschnittlich häufig erwerbslos werden, weil die Betriebe lieber zahlen als entsprechende Arbeitsplätze zu schaffen. Denn selbst wenn laut „Aktion Mensch“ die Bilanz in Sachen Einstellung von Menschen mit Handicap insgesamt relativ gut aussieht, ist von diesem Trend in der Hansestadt nicht viel zu merken.

Arbeit in den Behindertenwerkstätten


Der Inklusionsaktivist Raul Krauthausen lässt an ihnen kaum ein gutes Haar: Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM). „Die Arbeit in den Werkstätten ist sehr hart. Meistens müssen die Beschäftigten hier acht Stunden am Tag ein- und denselben Arbeitsschritt erledigen. Das ist monoton und für viele schwer zu ertragen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten daneben keine andere Aufgabe und keine Perspektive, da rauszukommen. Es findet so gut wie keine Qualifizierung der Beschäftigten statt. Die Verdienstmöglichkeiten sind auch äußerst schlecht und weit unter dem Mindestlohn“, zitiert ihn die Zeit in einem Interview (Quelle).

Bundesweit arbeiten etwa 300.000 Personen in einer solchen Werkstatt; die meisten davon haben Sinneseinschränkungen oder wurden aufgrund psychischer Probleme und damit in Verbindung stehenden Krankheiten vom ersten Arbeitsmarkt ausgesondert. 152.000 Betriebe beschäftigen mindestens eine/n Betroffene/n. Wobei Großbetriebe die Quote häufiger überschreiten, während kleinere Betriebe sich frei kaufen. Laut der LINKEN nahm in Hamburg die Zahl der Betriebe, die Ausgleichsabgaben leisten, um 300 zu.

Laut Krauthausen „können sich die Unternehmer diese Art der Beschäftigung von behinderten Menschen auf ihre Quote anrechnen und müssen keine Ausgleichsabgabe leisten.“

Der Aktivist spricht von einer speziellen „Bildungsbiographie“: „Behinderte Kinder gehen in der Regel auf sogenannte Förderschulen. Danach machen sie gleich eine Ausbildung in einem besonderen Berufsbildungswerk oder sie gehen in eine Werkstatt für behinderte Menschen.“

Von 100 Beschäftigten in den Werkstätten schafft eine/r den Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt. Auch das liegt laut Krauthausen am System: „Die Werkstätten der großen Sozialverbände befinden sich untereinander in einem Wettbewerb. Sie alle arbeiten für große Firmen; sie alle wollen sich die Aufträge dieser Firmen sichern, und das geht nur, wenn die Qualität stimmt. Daher können es sich die Werkstätten nicht leisten, auf ihre besten Mitarbeiter zu verzichten. Diese werden gehalten. Man verhindert ihren Aufstieg in den allgemeinen Arbeitsmarkt.“

Zwar räumt Krauthausen ein, dass es durchaus Menschen gibt, die dem ersten Arbeitsmarkt nicht gewachsen und die in den Werkstätten gut aufgehoben seien. Aber auch da stellt er das System „Arbeitsgesellschaft“ grundsätzlich in Frage: „… muss ein Mensch produktiv arbeiten, um als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt zu werden? In Deutschland ist das wohl so. In den skandinavischen Ländern ist der Ansatz ein anderer. Hier dürfen alle arbeiten, egal ob produktiv oder nicht; aber behinderte und nichtbehinderte Menschen sind auf jeden Fall zusammen. Die, die bei der Arbeit etwas mehr Zeit brauchen, werden staatlich unterstützt und erhalten einen Tariflohn. Der allgemeine Arbeitsmarkt wurde also auch für behinderte Menschen geöffnet, die je nach Bedarf unterstützt werden.“

Genau darüber sich Gedanken zu machen, lädt DIE LINKE ein:

„Armut abwenden, Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung konsequent öffnen“
Diskussionsveranstaltung der Fraktion der Partei DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft
Mit Margit Glasow, Inklusionsbeauftragte der Partei DIE LINKE, und Referentinnen und Referenten aus verschiedenen Initiativen, die sich für Inklusion am Arbeitsmarkt einsetzen
Moderation: Cansu Özdemir, Fraktions-Vorsitzende, inklusionspolitische Sprecherin
Datum: 25. November 2017, 16-18h
Ort: Kaisersaal des Hamburger Rathauses, Rathausmarkt 1, 20095 Hamburg Text: Birgit Gärtner