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Gedenken an Kinder, die dem NS-Euthanasieprogramm zum Opfer fielen


Kinder
Kinder

Das NS-Euthanasie-Programm kostete 300.000 Menschen mit Behinderungen, chronischen und psychischen Krankheiten das Leben. Sie wurden als „unwert“ aussortiert, und der faschistischen Vernichtungsmaschinerie übergeben. An vielen Betroffenen wurden medizinische Versuche durchgeführt, die zu einem häufig qualvollen Tod führten. 400.000 Menschen wurden im Rahmen dieses Programmes zur Sterilisation gezwungen.

Unter den Euthanasie-Opfern waren auch Kinder. So weit bekannt, wurden in der „Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn“ unter der Leitung von Dr. Friedrich Knigge 23 Kinder, offiziell im Rahmen „wissenschaftlicher Forschung“, ermordet. Die „Behandlung“ erfolgt z. T. mit Zustimmung der Eltern, denen die Heilung ihrer Kinder in Aussicht gestellt worden war. Die „Stolperstein-Initiative Hamburg“ verlegte am 25.10.2017 vor der heutigen Asklepius Klinik Nord Ochsenzoll Stolpersteine, um dieser ermordeten Kinder zu gedenken.

Ursprünglich wurde Euthanasie, was übersetzt so viel wie „schöner Tod“ bedeutet, mit Schwerkranken in Verbindung gebracht, denen qualvolles Leiden erspart werden sollte. Allerdings war damit Sterbebegleitung gemeint, nicht deren Tötung – schon gar nicht gegen ihren Willen oder den ihrer Angehörigen.

„Erst Ende des 19. Jahrhunderts wird der Begriff „Euthanasie“ in Zusammenhang mit der Tötung schwerkranker und unheilbar kranker Menschen diskutiert“, wird auf der Webseite des „Gedenkorts T4“ erläutert. „Der Philosophie- und Physikstudent Adolf Jost fordert in seiner 1895 in Göttingen vorgelegten Schrift ´Das Recht auf den Tod` als erster sowohl die Freigabe der Tötung auf Verlangen körperlich Kranker als auch die Freigabe der Tötung sog. Geisteskranker. Der Wert des Lebens steht dabei für ihn im Mittelpunkt. Dieser bestehe aus der Summe von Freude und Schmerz, die das Individuum empfindet, und der Summe von Nutzen und Schaden, die das Individuum für seine Mitmenschen darstellt. Der Wert eines Menschenlebens könne, so Jost, negativ werden. Wegen der Akzeptanz in der Bevölkerung solle der Staat aber zunächst den Ärzten nur erlauben, unheilbar Kranke nach Dokumentation ihrer Willensbekundung zu töten, erst in einer zweiten Stufe solle der Staat die Tötung der Geisteskranken an sich ziehen und regeln.“

Kinder Gedenktafel

1920 erschien die Schrift des Strafrechtlers Karl Binding und des Psychiaters Alfred Hoche "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens". Diesen Begriff machten sich die Nazis zu eigen und töteten, wie eingangs erwähnt, etwa 300.000 Menschen, deren Leben sie für „nicht lebenswert“ erklärten. Die Hamburgerin Antje Kosemund hat in dem Buch „Sperlingskinder“ die Geschichte ihrer Schwester Irma Sperling aufgeschrieben, die eines der Opfer dieses Euthanasie-Programms war.

Die Hamburger „Initiative Stolpersteine“ beschäftigte sich mit Kindern, die Opfer des Euthanasieprogramms wurden. Demnach wurden „in einem Runderlass des Reichsministeriums im August 1939 unter dem Schein der wissenschaftlichen Erforschung Kliniken, Hausärzte, Hebammen, und Fürsorgerinnen verpflichtet, Kinder mit ´angeborenen Mißbildungen und geistiger Unterentwicklung` den jeweiligen Amtsärzten der Gesundheitsämter zu melden. Dazu gehörten sogenannte ´Idiotie` und ´Mongolismus` (Down-Syndrom), Mikrocephalie (Kleinheit des Kopfes), Hydrocephalus (sog. Wasserkopf), ´Mißbildungen jeder Art`, Lähmungen einschließlich Littlescher Erkrankung (cerebrale Kinderlähmung).

In einem geheimen Schreiben Hitlers an seinen Reichsleiter Bouhler und seinen Begleitarzt Dr. med. Brandt im September 1939 beauftragte er diese, bestimmten Ärzten die Befugnisse zu erweitern, ´dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann`.

Daraufhin wurde der „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ gegründet, unter der ärztlichen Leitung von Werner Catel, Hans Heinze und Ernst Wentzler. Die Zentrale der Kinder-´Euthanasie` war damit in Berlin entstanden. In Folge wurden im damaligen ´Deutschen Reich` über 30 ´Kinderfachabteilungen` eingerichtet, in denen Kinder ermordet wurden.“

Stolpersteine Übersicht

In Hamburg, so fand die „Initiative Stolpersteine“ heraus, „erfolgte im Juni 1940 die Einrichtung zweier ´Kinderfachabteilungen` durch Gesundheitssenator Friedrich Ofterdinger. Eine befand sich im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort unter der Leitung von Dr. Wilhelm Bayer, die andere in der ´Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn` unter Dr. Friedrich Knigge als Abteilungsarzt. Beide arbeiteten eng zusammen.

Von den Amtsärzten der Gesundheitsämter wurden Meldebögen mit Angaben zum Entwicklungsstand ausgefüllt und die betroffenen Kinder in die sogenannten ´Kinderfachabteilungen` eingewiesen. In der ´Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn` wurden die nach einer Beobachtungszeit ausgewählten Kinder von Knigge in einem Bericht an den ´Reichsausschuss` für eine ´Behandlung` vorgeschlagen. Nach der ´Ermächtigung zur Behandlung` durch den Ausschuss wurden die Kinder in der ´Kinderfachabteilung` der ´Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn` von Knigge zumeist in Haus 7 und Haus 10 ermordet.

Bei den Eltern hatte sich Dr. Knigge vorab in einem sogenannten ´Beratungsgespräch` die Zustimmung zur sogenannten ´Behandlung` eingeholt. Er gaukelte den Eltern vor, dass bei einigen Erkrankungen, die bisher als hoffnungslos galten, einzelne Heilerfolge zu erzielen seien, wenn auch risikoreich. Für die meisten Eltern war nicht durchschaubar, dass es sich um die versteckte Einholung zur Einwilligung zur Tötung ihres Kindes handelte.

Helga Heuer

Im Falle Helga Heuer, die an cerebraler Kinderlähmung litt, war in Knigges Protokollen verzeichnet ´Die Mutter hat gegen eine erfolgversprechende Behandlung nichts einzuwenden…` Helgas Mutter sagte später bei Gericht aus: ´Ich habe ernsthaft geglaubt, daß der Krankheitszustand des Kindes durch eine Operation gebessert werden könnte`.“

An diese 23 Kinder, 15 Mädchen und 8 Jungen, die Opfer von Knigges „Behandlungsmethoden“ wurden, erinnern jetzt die Stolpersteine:

Gerda Behrmann, Uwe Diekwisch, Peter Evers, Elke Gosch, Claus Grimm, Werner Hammerich, Marianne Harms, Hillene Hilmers, Helga Heuer, Waltraud Imbach, Inge Kesselbaum, Hella Körper, Dieter Kullack, Helga Liebscher, Theo Lorenzen, Jutta Müller, Ingrid Neuhaus, Traudel Passburg, Edda Purwin, Angela Quast, Hermann Scheel, Erwin Sänger und Monika Ziemer.
Text und Fotos: Birgit Gärtner


Weiterführende Links:

  • Kinder 01

  • Kinder 02

  • Kinder 03